Julian Nagelsmann erhielt für die Nominierung von Leroy Sané viel Kritik, dann Beifall für seine knallharte Ansage gegenüber dem Ex-FCB-Spieler, nun aber auch Kritik. Mit Kommentar.
Bundestrainer Julian Nagelsmann ist sich selbst untreu geworden, aber nicht in der Form, wie es ihm zuletzt einige vorgeworfen hatten. Aus seiner gemeinsamen Zeit beim FC Bayern (2021-2023) weiß man, dass der 38-Jährige grundsätzlich ein großer Fan des Tempodribblers Leroy Sané ist. Er kennt die Schwächen des höchst sensiblen Offensivspielers bestens, schätzt aber auch seine überragenden Fähigkeiten – auf und neben dem Platz.
Nach Sanés Wechsel vom FC Bayern zum türkischen Doublesieger mit internationalen Ambitionen, Galatasaray Istanbul, hatte Nagelsmann – auch wegen einer gewissen Geringschätzung der türkischen Süper Lig – für die ersten vier deutschen WM-Qualifikations-Duelle, die von sehr schwach (0:2 in der Slowakei) bis zäh / passabel absolviert wurden, nicht nominiert. Bei den letzten beiden entscheidenden Partien in Luxemburg am Freitag und gegen die Slowakei am Montag steht der 29-Jährige dagegen wieder im DFB-Kader.
Ist Nagelsmann wegen Shit Storm eingenickt?
Für diesen Schritt und auch die Nicht-Nominierung des früheren FCB-Campus-Spielers Angelo Stiller (heute VfB Stuttgart) erhielt der Bundestrainer aus zahlreichen Medien- und Expertenecken einen heftigen Shit Storm. Dieser überraschte und verunsicherte Nagelsmann offensichtlich. Denn auf einer DFB-PK äußerte er sich ungewöhnlich scharf in Richtung Sané, den gemeinsamen Kritikern Nahrung liefernd.
„Es ist auch profilgeschuldet. Wenn wir auf der Position sechs, sieben Spieler hätten, wäre es deutlich schwieriger für ihn. Leroy weiß, was gefragt ist. Er weiß, dass es nicht mehr unzählige Chancen für ihn unter meiner Führung in der Nationalmannschaft gibt, um sich zu beweisen, das weiß er. Das kann ich auch so offen sagen, weil ich es ihm auch so offen gesagt habe.“ Dafür erntete der Bundestrainer öffentlich viel Beifall von den Kritikern, aber durchaus auch Kopfschütteln. Nicht zuletzt vom früheren Sportvorstand des FC Bayern, Matthias Sammer (2012-2016).
Der 58-Jährige im Sky-Fußballtalk „Sammer & Basile – der Hagedorn-Talk“ mit Moderator Riccardo Basile ohne Verständnis für Nagelsmanns Statement: „Meine Erfahrungen sind, Individualisten brauchen Liebe, brauchen so viel Liebe, dass es knallt. Das ist einfach so.“
„Genau das, was ich ihm grundsätzlich nicht geraten hätte…“
Auf die Frage von Basile – „Ist das die große Liebe von der du sprachst?“- in Bezug auf die Nagelsmann-Ansage antwortete der Europameister von 1996: „Das ist genau das, was ich ihm grundsätzlich nicht geraten hätte zu sagen.“ Sammer erläuterte weiter: „Du brauchst nicht in der Öffentlichkeit die Beziehungsebene infrage zu stellen. Der Öffentlichkeit erklären wollen, dass es möglicherweise die letzte Chance ist. Ich würde das nicht mehr tun, aber in dem Alter vom Julian hätte ich es genauso getan und es wäre genauso vielleicht nicht richtig gewesen.“
Leroy Sané polarisiert wie kaum ein anderer aktueller deutscher Top-Fußballer. Seine Fangemeinde wird Sammer bei der Nagelsmann-Schelte Applaus spenden. Einen ebenso talentierten wie sensiblen Sportler wird man kaum zu Hochleistung animieren können, in dem man ihn zusätzlich unter Druck setzt. Fußballer wie Sané müssen ein ehrliches Vertrauen spüren. Denn mangelnde Einstellung – das weiß Nagelsmann selbst sehr gut – war dem 29-Jährigen nie vorzuwerfen. Bei einem schlechten Start in eine Partie verkrampfte er bei all seinem Ehrgeiz jedoch nicht selten bedenklich.
