Verrückte Bundesliga-Geschichte: Der Ex-Spieler, der sich zum FC-Bayern-Albtraum entwickelte

Aktuell leidet die Bundesliga unter der großen Dominanz des FC Bayern und sehnt sich wohl nach Fußball-Helden, die dem Rekordmeister Paroli bieten könnten – wie in den 1970er Jahren ein Ex-Spieler.

Wenn man an Fußballspieler denkt, die in ihrer Karriere für die Bayern aufgelaufen sind, diesen aber auch mit ihren Toren für frühere oder spätere Vereine so richtig weh getan haben, kommen einem automatisch Robert Lewandowski, Claudio Pizarro, Mario Gómez, aber auch Miroslav Klose, Paulo Sergio, vielleicht sogar Olaf Thon in den Sinn. Nur die wenigsten älteren Fußballfans können sich überhaupt daran erinnern, dass ein gewisser Bernd Gersdorff einmal die Fußballstiefel für die Münchner geschnürt hat.

Der heute 78-Jährige hat mit seinen sechs Pflichtspieltreffern (fünfmal Bundesliga, einmal Pokal) gegen den FCB von 1974 bis 1979 von allen Ex-Bayern-Spielern die meisten – schmerzhaften – Tore gegen den heutigen Branchen-Primus erzielt, allerdings in einer Phase, in welcher die Münchner speziell national arg schwächelten.

Unglaublich: Für Zweitliga-Aufstieg Verzicht auf Europapokalsieg

Dabei hätte alles ganz anders kommen können und Gersdorff bei Bayern, nachdem er 26-jährig zur Saison 1973/74 vom Absteiger Eintracht Braunschweig an die Säbener Straße gewechselt war, eine großartige Karriere machen können. Der 1-fache deutsche Nationalspieler stand vom 1. bis 12. Spieltag jeweils in der Startformation der von Udo Lattek trainierten Startruppe mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller & Co. und wurde dabei lediglich zweimal ausgewechselt.

Bei der legendären 4:7-Klatsche (nach 3:0- und 4:1-Führung!) am 20. Oktober 1973 auf dem Betzenberg beim 1. FC Kaiserslautern schoss er die beiden ersten Bayern-Tore, sie bleiben seine einzigen im Bayern-Dress. Der Grund: Weil er im Bayern-Sturm stets auf der von ihm ungeliebten Linksaußen-Position eingesetzt wurde, wechselte er noch während der Hinrunde mit Wirkung vom 1. November 1973 zurück zu Eintracht Braunschweig.

Sein letztes Bayern-Spiel bestritt er in einer ebenfalls legendären Partie, dem Achtelfinal-Hinspiel im Europapokal der Landesmeister am 24. Oktober 1973 gegen Dynamo Dresden, welches die Münchner mit 4:3 für sich entschieden. Auch in der 1. Runde stand Gersdorff gegen Atvidaberg FF aus Schweden in beiden Spielen jeweils in der Startelf. Er verließ damals somit freiwillig den Deutschen Meister und späteren Europapokalsieger der Landesmeister und ging in die 2. Liga, obwohl er in allen 15 Saisonspielen bei Bayern in der Startelf stand. Aus heutiger Sicht unfassbar, zumal FCB-Manager Robert Schwan ihn unbedingt davon abhalten wollte.

Torschützenkönig in der 2. Liga mit unfassbarer Quote

Obwohl er erst Anfang November nach Braunschweig zurückkam, wurde er mit 35 Toren in nur 19 absolvierten Punktspielen (1,84 Tore pro Spiel) noch Torschützenkönig der Regionalliga Nord (damals 2. Liga in insgesamt 5 Staffeln) 1973/74 und hatte so großen Anteil an der Meisterschaft und dem Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Zur Winterpause der Saison 1976/77 wechselte er zu Hertha BSC. Bei den Berlinern entwickelte er sich zu einem der beliebtesten Spieler und blieb es bis zu seinem letzten Bundesligaspiel am 19. Januar 1980 (18. Spieltag). Mit der Begegnung Eintracht Braunschweig – Hertha BSC (3:1) endete seine Karriere von 301 Spielen und 68 erzielten Toren in Deutschland.

Zum Ausklang seiner Fußballer-Laufbahn wechselte er in die USA in die Nordamerikanische Soccer League.

Bernd Gersdorffs Tore gegen den FC Bayern

In folgenden fünf Bundesligaspielen traf er jeweils einmal:

5. Oktober 1974: Bereits im ersten Spiel gegen den FCB nach seiner Rückkehr nach Braunschweig traf er beim 3:1 für die Norddeutschen.

9. August 1975: FCB – Eintracht 1:1

29. Oktober 1977: FCB – Hertha 0:2 – die letzte Heimniederlage der Bayern gegen die Berliner überhaupt.

28. Oktober 1978: FCB – Hertha 1:1

15. September 1979: FCB – Hertha 1:1

Dazu kommt noch der finale Treffer beim 4:2 n.V. der Hertha im DFB-Pokal-Viertelfinale am 19. Februar 1977 im Berliner Olympiastadion. Es war das letzte DFB-Pokal-Spiel von Franz Beckenbauer für den FC Bayern. Betrachtet man die knappen Ergebnisse in all diesen Spielen, dann hat jeder Gersdorff-Treffer dem FCB Punkte gekostet und / oder weh getan.

Mittlerweile hat Robert Lewandowski im Trikot des FC Barcelona mit seinem Champions-League-Treffer beim 4:1 im vergangenen Herbst mit Gersdorff mit sechs Gegentoren gegen Bayern gleichgezogen. Als Hoffnungsträger der Nicht-Bayernfans in der Bundesliga kann er allerdings kaum gewertet werden. Die anderen fünf Tore erzielte er natürlich alle für Borussia Dortmund, alle im Kalenderjahr 2012 auf Bundesliga, DFB-Pokal(-Finale) und Supercup verteilt.


Zu guter Letzt wird es noch persönlich: Bernd Gersdorff stand in der Startelf von Eintracht Braunschweig beim Bundesligaspiel FC Bayern – Eintracht Braunschweig am 29. Mai 1971 – es war das erste Stadionerlebnis des Autors dieses Beitrags!


Titelbild: Das letzte FCB-DFB-Pokalspiel von Kaiser Franz: Gersdorff erzielte den finalen Treffer für die Hertha in Berlin.

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