Im ersten Ligaspiel der Königsklasse 2025/26 trifft der FC Bayern auf den FC Chelsea – eine Partie ohne große Tradition, aber mit außergewöhnlicher Vorgeschichte.
Wenn der FC Bayern am Mittwochabend in der heimischen Arena auf den FC Chelsea trifft, ist das zwar das absolute Topspiel des ersten Spieltags der Ligaphase der Champions League, aber keineswegs ein Duell zweier europäischer Dauerrivalen, wie dies bei einer Partie gegen Real Madrid, den FC Barcelona oder zuletzt auch Paris Saint Germain der Fall wäre. Es ist kein Klassiker, obwohl der deutsche Rekordmeister und der frisch gebackene Klubweltmeister und UEFA Conference League Gewinner die Klingen kreuzen. Die wenigen bisherigen Aufeinandertreffen haben es aber in sich.
CL-Viertelfinale 2004/05 – mit oder ohne Mourinho?
Gestärkt durch das Weiterkommen gegen den FC Arsenal traf der FC Bayern im Viertelfinale der Königsklasse 2004/05 zum ersten Mal in seiner damals knapp 40-jährigen Europapokalgeschichte auf dessen Stadtrivalen Chelsea. Die Londoner wurden damals vom exzentrischen José Mourinho trainiert, den der russische Investor Roman Abramowitsch im Sommer 2004 vom CL-Sieger FC Porto losgeeist hatte. Der portugiesische Coach zog damals die ganze mediale Aufmerksamkeit auf sich, obwohl er von der UEFA wegen seines „Fehlverhaltens“ in der Runde zuvor für beide Viertelfinalspiele gegen Bayern mit einem strikten Stadionverbot sanktioniert worden war.
Beim Hinspiel in London hatte sich Mourinho im Stadion vor den UEFA-Ermittlern in einem Wäschekorb versteckt und auch sechs Tage später in München wurde er vor dem Olympiastadion im Taxi gesichtet, bevor er scheinbar spurlos verschwand. Da Onkel Mou schon immer mit allen Wassern gewaschen war, kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass er auch in München Helfer in der Wäscheabteilung hatte.
Bitterer FCB-Abschied aus dem Olympiastadion
Was auch immer die aktive Rolle des Portugiesen in beiden Partien gewesen sein mag, der FC Chelsea hat sich damals mit 4:2 und 2:3 für das CL-Halbfinale qualifiziert. Während die 2:4-Schlappe an der Stamford Bridge die bis heute einzige FCB-Niederlage gegen den zweifachen CL-Sieger aus dem Spiel heraus war, beschloss das Rückspiel in München am 12. April 2005 die 33-jährige Europapokal-Ära des Olympiastadions. Ab Herbst 1972 – ein 6:0 gegen Galatasaray Istanbul – hatte der FC Bayern dort sämtliche seiner internationalen Heimspiele bestritten.
Nachdem die Bayern beim Hinspiel in London mit dem 2:4 noch einigermaßen glimpflich davon gekommen waren, war das Rückspiel quasi ein Spiel auf ein Tor, welches der kicker damals treffend beschrieb: „Die Londoner hatten das Glück und den überragenden Kopfballspieler Drogba bei ihren Toren auf ihrer Seite.“ Zu erwähnen ist auch noch die überragende Leistung von Petr Cech im Chelsea-Tor, die durch Aluminium- und Schiedsrichter-„Glück“ (klarer Elfmeter wurde verweigert) wirkungsvoll ergänzt wurde. So kam der 3:2-Siegtreffer von Mehmet Scholl tief in der Nachspielzeit gegen einen am Schluss heftig wankenden Gegner zu spät.
„Finale dahoam“ 2012 und Supercup-Revanche 2013
Der sieben Jahre zuvor verweigerte Elfmeter, der die Münchner Europapokal-Historie im Olympiastadion verlängern hätte können, wurde im legendären Finale dahoam auf inflationäre Weise nachgeholt. Es gibt wohl keinen FCB-Fan auf der ganzen Welt, der die bittere Geschichte jenes Endspiels nicht kennt: 120 Minuten Einbahnstraßen-Fußball, der kurz vor Ende der regulären Spielzeit mit Thomas Müllers Kopfballtreffer zum 1:0 nur scheinbar belohnt wurde. Noch späterer Ausgleichstreffer durch Didier Drogba per Kopf, ein überragender Cech, der nicht nur Arjen Robbens Elfmeter in der Verlängerung parierte, sondern auch eine 3:1-Führung der Bayern im Elfmeterschießen in ein 3:4 umwandelte. Albtraum dahoam!
15 Monate später bekamen die Bayern im UEFA Supercup-Spiel, das 2013 in Prag ausgespielt wurde, ihre Chance zur Revanche und nutzten diese auf ähnlich dramatische Weise: Pep Guardiola – Verfechter des Dominanzfußballs – gegen José Mourinho – „Destruktiv-Champion“, Triple-Sieger gegen Europaleague-Gewinner (der als CL-Titelverteidiger in der Gruppenphase gescheitert war!). Hochüberlegene Bayern mussten zweimal einen Rückstand aufholen (Franck Ribéry, Javi Martínez in der Nachspielzeit der Verlängerung) und gewannen am Ende 7:6 im Elfmeterschießen. Dieses Mal hielt Manuel Neuer den entscheidenden Elfmeter von Romelu Lukaku.
FCB-Machtdemonstration im CL-Achtelfinale 2019/20
Die letzten beiden Champions League Partien zwischen den Vereinen dürften beim FC Chelsea und seinen Fans extrem unangenehme Erinnerungen wachrufen: Das 0:3 zuhause am 25. Februar 2020 – ganz kurz vor dem weltweiten Ausbruch der Corona-Pandemie – war die höchste Königsklassen-Heimniederlage der Vereinsgeschichte. Serge Gnabry (zweimal) und Robert Lewandowski schossen die Londoner in Halbzeit 2 ab.
Das Rückspiel fast ein halbes Jahr später in der leeren Allianz Arena war dann nur noch ein bayerisches Warmlaufen für die CL-Finalturnier in Lissabon, welches man zwei Wochen später als Triple-Sieger verließ. Beim 4:1 in München hießen die Torschützen Lewandowski (2), Ivan Perišić und Corentin Tolisso, für Chelsea traf Tammy Abraham zum zwischenzeitlichen 1:2. Der Gesamtscore von 1:7 bedeutete damals für den aktuell amtierenden Klub-Weltmeister das schlimmste Europapokal-Debakel der Vereinsgeschichte. Erstaunlicherweise wurde Chelsea unter Thomas Tuchel nur zehn Monate später der Nachfolger des FC Bayern als CL-Sieger.
Ausblick auf Mittwochabend
So ganz mitnehmen konnte der FC Chelsea seinen Elan aus dem gewonnenen Klub-WM-Finale vor zwei Monaten gegen den amtierenden CL-Sieger PSG (3:0) nicht. In der Premier League liegen die Londoner nach vier Spieltagen mit zwei Siegen und zwei Unentschieden auf dem 5. Platz, bei Brentford kassierten sie am Wochenende den bitteren Ausgleichstreffer zum 2:2 in der Nachspielzeit.
Der FC Bayern ist dagegen sehr überzeugend in die neue Saison gestartet, gerade zuhause stellt er eine Macht dar: Kantersiege gegen RB Leipzig (6:0) und den HSV (5:0) in der Bundesliga wie ein 4:0 gegen Tottenham Hotspur in der Saisonvorbereitung demonstrieren dies eindrucksvoll. Vincent Kompanys Team geht daher als Favorit in die Partie.

Beim 3:2 im Oly war ich dabei …
Mein Tipp für Mittwoch: 3:1!