FCB-Campus, Vincent Kompany und viele Missverständnisse

Wenn man aktuell besonders viel Zustimmung und Aufmerksamkeit von den Fans bekommen möchte, schreibt man über Fehler auf dem FCB-Campus und dass Vincent Kompany kein Talentförderer sei. Das passiert in diesem Kommentar nicht.

Obwohl der FC Bayern nach einjähriger Titelpause als souveräner Meister der Vorsaison in die neue Spielzeit startet, tut er dies gefühlt als Krisenklub, bei dem scheinbar gar nichts mehr funktioniert. Neben der Transferpolitik steht vor allem die Nachwuchsarbeit in der Kritik, vielleicht tut sie das aber vor allem auch deswegen, weil man mit ersterer so wenig zufrieden ist.

Große Unzufriedenheit mit dem FCB-Campus

Besonders kritische Anhänger des Rekordmeisters sehen das 2017 eröffnete 70 Millionen Euro teure FCB-Campus an der Ingolstädter Straße bereits als „Millionengrab“, andere schlagen dem Verein sogar vor, es zu schließen. Der Grund: Viel zu wenige der großen Talente dieses Nachwuchsleistungszentrums würden dauerhaft den Weg zu den Profis der Bayern finden. Dort würden Vetternwirtschaft und Unfähigkeit herrschen, zudem wäre der Chefcoach der Profis, Vincent Kompany, keiner, der mit Nachwuchsspielern antreten möchte, geradezu unfähig im Umgang mit diesen.

Abgänge von „Supertalenten“ bringen Fass zum Überlaufen – zu Unrecht

Auslöser der neuesten diesbezüglichen Fankritik sind die Abgänge der 19-jährigen „Supertalente“ Nestory Irankunda und Adam Aznou. Beide wurden ob ihrer Perspektiven nervös und ungeduldig, nicht zuletzt deswegen, weil sie mit ihren Nationalmannschaften – Australien und Marokko – zur WM 2026 reisen wollen. Trotzdem reicht bei beiden die aktuelle Leistungsstärke keineswegs aus, um sich bei den FCB-Profis nachhaltig durchsetzen zu können. Eine sachlich-nüchterne Feststellung. Niemand sollte deswegen in der Kritik stehen.

Beide waren in der Rückrunde der vergangenen Saison – jeweils mit mäßigem Erfolg – ausgeliehen. Irankunda zum Schweizer Abstiegskandidaten Grashopper Club Zürich, Aznou zum spanischen Absteiger Real Valladolid. Die Abnehmer für beide Talente, Zweitligist FC Watford (Irankunda) und der FC Everton, Tabellen-13. der letzten Premier League Saison, verdeutlichen ebenfalls, dass sie noch kein „FCB-Profi-Niveau“ haben.

Guter FCB-Deal, Spieler könnten enttäuscht werden

Und selbst dort müssen wohl beide um ihren Stammplatz kämpfen. Die Aussagen von Everton-Cheftrainer David Moyes sollten Aznou einen erheblichen Dämpfer verpassen. Denn dieser sieht im Marokkaner noch keine unmittelbare Verstärkung für seine Mannschaft, sondern eher ein Langzeitprojekt, das langsam an die Premier League herangeführt werden soll: „Er ist ein junger Spieler. Wir sehen in ihm jemanden mit einer guten Zukunft und großem Potenzial“.

Der FC Bayern bekommt für seine Ex-Campus-Talente respektable Ablösesummen. Für Irankunda wohl drei Millionen Euro (letztes Jahr war er für 900.000 Euro gekommen), zusätzlich hat man sich eine Rückkauf- und eine Weiterverkaufsklausel gesichert. Für Aznou sollen es sogar neun Millionen plus drei Millionen Boni sein. Also letztendlich kein Grund für Kritik, sondern viel eher für Lob für zwei gute Deals.

Beachtliche Ablösesummen durch Campus-Spieler

Apropos „der Campus ist ein Millionengrab“: Das ist eine nahezu absurde Abwertung der Nachwuchsarbeit im Jugendleistungszentrum des FCB, wenn man die finanzielle Komponente in den Vordergrund stellt. Allein der 2017 aus der Jugend von Feyenoord Rotterdam gekommene Joshua Zirkzee hat dem FC Bayern fast 50 Millionen Euro an Ablöse in die Kassen gespült: Zunächst verpflichtete der Serie-A-Verein Bologna den heutigen niederländischen Nationalspieler für 27,5 Millionen Euro, letztes Jahr kamen durch eine 50%-Weiterverkaufsklausel noch einmal über 20 Millionen aus Manchester dazu.

Malik Tillmann für für 12 Millionen Euro an PSV Eindhoven abgegeben, Chris Richards für 12 Millionen an Crystal Palace (drei Jahre zuvor für 5,3 Millionen aus Dallas verpflichtet). Viele kleinere Beträge kommen dazu, in diesem Sommer 1,2 Millionen Euro aus Zagreb für Gabriel Vidović und 3,5 Millionen aus Salzburg für Frans Krätzig.

Der deutsche U21-Nationalspieler würde gerne zum deutschen Rekordmeister zurückkommen, schätzte die Situation für Campus-Spieler aber schon immer sehr realistisch ein: „Klar ist es schön, wenn junge Spieler Chancen bekommen. Aber Bayern ist einer der größten Vereine der Welt, da ist es nicht so einfach ganz nach oben zu kommen.“ Krätzig hat nun eine Comeback-Vision, denn „wer nicht bei Bayern spielen will, der hat das Fußball-Business missverstanden.“

Ehemalige FCB-Campus-Spieler mit gewaltigen Marktwerten

Wer den wirtschaftlichen Erfolg des Campus anzweifelt, vergisst aber nicht zuletzt, den derzeitigen Marktwert von FCB-Profis in die Kalkulationen einzubeziehen, die einst im Münchner Norden für die FCB-Jugendteams gekickt haben: Jamal Musiala (140 Millionen Euro), Aleksandar Pavlović (55 Millionen), Josip Stanišić (32 Millionen). Den Marktwert des 19-jährigen Paul Wanner gibt transfermarkt.com mit 18 Millionen an.

Der 21-jährige Pavlović hat damit übrigens einen um fünf Millionen Euro höheren Marktwert als sein Urlaubskumpel Kenan Yildiz, den der FC Bayern 2022 nach zehn Jahren ablösefrei zu Juventus Turin ziehen lassen musste. Der türkische Nationalspieler wird nicht selten als einer der schlimmsten FCB-Fehler überhaupt beschrieben. Aber mal ganz im Ernst: Welche Vorwürfe muss sich dann der FC Chelsea wegen Jamal Musiala gefallen lassen?

Fehleinschätzungen?

Apropos Fehler: Auch der ebenfalls ablösefreie Abgang von Angelo Stiller (gebürtiger Münchner, 2010-2020 beim FCB) wird als solcher betrachtet. Sein heutiger Marktwert: 45 Millionen Euro. Aber: Stiller war zwar am Campus ein Anführer, konnte dort jedoch nicht unbedingt als hochtalentiert identifiziert werden. 2020 setzte Hansi Flick auf das Weltklasse-Duo des amtierenden Triple-Siegers, Joshua Kimmich und Leon Goretzka.

Stiller sah keine Chance und folgte seinem U19- und FCB-Amateure-Coach Sebastian Hoeneß zuerst nach Hoffenheim, dann zum VfB Stuttgart. Erst dort wurde er zum Nationalspieler. Würde er jetzt beim FCB einen Stammplatz haben? Es wäre sehr schwer für ihn. Zu den Triplehelden von 2020 sind jetzt nämlich auch noch Pavlović und Tom Bischof (20, ablösefrei von Hoffenheim, Marktwert 30 Millionen) dazu gekommen.

„Es gibt keine jungen und alten Spieler, sondern nur gute und schlechte.“

„Supertalente“ sind immer eher eine Hoffnung als ein Versprechen für die Zukunft. Jeder sieht ihren Leistungsstand und Wert für das Team anders. Für FCB-Coach Vincent Kompany kann die Leistungs-orientierte Devise (Otto Rehhagel) nur heißen: „Es gibt keine jungen und alten Spieler, sondern nur gute und schlechte.“ Für einen Kaderplatz, für einen Stammplatz muss ein 18-Jähriger dieselbe Leistung wie ein 25-, 30- oder 35-Jähriger bringen. Und gibt es im gesamten Kader keinen Spieler, der eine Position zur absoluten Zufriedenheit ausfüllt, muss ein neuer Spieler verpflichtet werden. Manchmal eben auch für teures Geld.

Musiala, Pavlović und Stanišić (spät und mit „Umwegen“) haben es vom Campus zu den FCB-Profis geschafft, andere – Wanner, Lennart Karl, Wisdom Mike, Felipe Chávez etc. – könnten es schaffen. Dazu gehört aber neben einem überragenden Talent auch der unbedingte Wille, Charakterstärke, ebenso Glück.

Verpflichtete „Supertalente“ mit denselben Problemen

Das gilt aber auch für die zugekauften (nicht nur) jungen Spieler: Nach der Euro 2016 spielten die beiden „besten Nachwuchsspieler“ des Turniers für den FC Bayern: Kingsley Coman, 2015 als Leihspieler von Juventus Turin gekommen, und Renato Sanches, der danach als 18-Jähriger für 35 Millionen Euro von Benfica Lissabon kam.

Der „King“ läuft immer noch für den FCB auf, für ihn bezahlte der Rekordmeister insgesamt 28 Millionen Euro (7 Millionen Leihe, 21 Millionen Ablöse in 2017), sein höchster Marktwert (2023) waren 65 Millionen Euro. Sanches ging 2019 für 20 Millionen nach Lille, nach einem kurzen Zwischenhoch bei PSG stolpert er mittlerweile von einer Leihe zur nächsten. Derzeitiger Marktwert: 3,5 Millionen Euro.

Tanguy Nianzou kam 2020 als das Mega-Innenverteidiger-Talent ablösefrei von PSG, die Pariser ärgerten sich maßlos über den FCB-Coup. Als er sich in München nicht durchsetzen konnte, wechselte er zwei Jahre später zum FC Sevilla für stattliche 16 Millionen Euro. Trotzdem teilweise kritisiert, der Verein hätte nicht die nötige Geduld. Sein heutiger Marktwert liegt bei kümmerlichen 1,5 Millionen Euro.

Liegt nicht an Kompany: Tel-Niveau reicht nicht für FCB

2022 kam Mathys Tel als 17-jähriges Supertalent für 20 Millionen Euro an die Säbener Straße. Seine Leistungen und auch seine sensationell sympathische Einstellung zum Verein ließen die Fans hoffen, dass er ein künftiger Franck Ribéry werden könnte. Fanliebling wurde er zwar im Handumdrehen, aber er konnte sich – speziell als Startelfspieler – nicht nachhaltig in München durchsetzen. Das hatte überhaupt nichts mit Kompany zu tun – der hätte Weltklasseleistungen von Mathys im FCB-Trikot gefeiert.

Tottenham Hotspur hat im Jahr 2025 insgesamt 45 Millionen Euro an den FCB für den nun 20-jährigen Tel überwiesen. Dem Rekordmeister ist auch mit ihm ein finanzieller Superdeal gelungen. Kritisiert werden aber dennoch Kompany, Max Eberl und Christoph Freund. Wahrscheinlich von denselben, die nach dem Supercup-Spiel im August 2023 gegen RB Leipzig (0:3) den jungen Franzosen wegen ein paar vergebenen Großchancen auf übelste Weise gemobbt haben. Ging Zirkzee in den Jahren zuvor übrigens auch so.

FCB-Nachwuchsarbeit viel besser als ihr Ruf

Wenn man sachlich an das Thema herangeht, dann kann man feststellen, dass die Jugendarbeit des FC Bayern eher über- als unterdurchschnittlich ist, wenn man die Anzahl der Campus-Spieler heranzieht, die Platz im Profifußball gefunden haben. Dafür gibt es Statistiken als Beweis.

Um allerdings im Profikader des Rekordmeisters zu landen und dort nachhaltig zu bleiben, muss man schon internationale Spitzenklasse darstellen. Yildiz und Stiller sind in dieser Kategorie als Nicht-mehr-FCB-Spieler gelandet – kann passieren. Ebenso wie, dass der Weihnachtsmann einen 16-jährigen Musiala zum FCB-Campus gebracht hat, wo er übrigens zunächst keineswegs alles überragt hat. Nicht alles ist plan- und kalkulierbar.

Andere „Supertalente“ gehen unter, das ist dann meist ein Drama für den Spieler, den Menschen. Nicht überall muss man Schuldige finden. Und mit Kompany als Chefcoach müssen nicht einzelne, vielleicht auch verwöhnte und verwirrte „Jungstars“ zufrieden und glücklich sein, sondern der gesamte Profikader. Wenn man die Stimmen aus diesem zum belgischen Meistertrainer hört, ist er das. Ebenso Max Eberl, Christoph Freund, CEO, Präsident, Ehrenpräsident und Ex-CEO des FC Bayern. Wenn das jetzt noch eine überwiegende Mehrheit der Bayernanhänger verstehen könnte…

Ein Kommentar zu “FCB-Campus, Vincent Kompany und viele Missverständnisse

  1. Überragender Beitrag!
    Danke!
    Aber: „Wenn das jetzt noch eine überwiegende Mehrheit der Bayernanhänger verstehen könnte…“
    Das ist eher hoffnungslos. Bitter.

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