Der FC Bayern stolpert in diesem Sommer von einer Transferpleite in die andere. So wird es zumindest behauptet und emotional diskutiert. Muss sich der FCB-Fan tatsächlich Sorgen um den Rekordmeister machen?
Für die Vereinsverantwortlichen im Profifußball und zahlreiche Fans ist die Sommertransferperiode stets eine nervenaufreibende Zeit: Keine interessanten Spiele, aber viele Gerüchte, Hektik, Fußball-Diskussionen, in welchen es nur wenig um den Sport geht. Das gilt natürlich nicht nur für den FC Bayern, auch wenn die Situation um die Säbener Straße herum immer besonders dramatisch erscheinen mag.
Florian Wirtz macht dem FC Bayern einen Strich durch die Rechnung
Auf einen Kaderumbruch beim deutschen Rekordmeister schon in der Endphase der vergangenen Saison angesprochen, antwortete FCB-Sportvorstand Max Eberl stets, dass man grundsätzlich sehr mit dem vorhandenen Spielermaterial zufrieden sei und lediglich „punktuelle“ Verstärkungen und Anpassungen geplant und vonnöten seien, auch in Abhängigkeit von den Abgängen.
Auch wenn es nun ganz anders gesehen wird: Grundsätzlich waren Eberl & Co. schon sehr früh sehr weit in den Planungen für die kommende Spielzeit: Mit Jonathan Tah und Tom Bischof wurden frühzeitig zwei deutsche Nationalspieler ablösefrei verpflichtet. Beim Transferziel Nummer 1, Florian Wirtz, sah man sich beim FC Bayern sehr weit, war sehr optimistisch, den Rekordtransfer zeitnah einzutüten. Womit der Rekordmeister auf der Zugangsseite eigentlich schon seine wichtigsten Hausaufgaben erfüllt gehabt hätte.
Den 22-Jährigen zog es jedoch nicht nach München, sondern in den regnerischen englischen Norden zum FC Liverpool – und seitdem entwickelt sich die FCB-Transferpolitik in der öffentlichen Wahrnehmung – Medien und Anhänger sind gleichermaßen beteiligt – zum Drama, zum Hexenkessel, zu einer scheinbaren Ansammlung an blamablen Pleiten.
Wirtz-Entscheidung muss nicht als „Pleite“ interpretiert werden
Bereits die Wirtz-Absage an den FC Bayern war zwar für den Rekordmeister ein unerwarteter Rückschlag und möglicherweise für so manchen im Verein (Uli Hoeneß!) eine persönliche Niederlage. Dies gilt aber sicherlich nicht für alle Entscheidungsträger und zahlreiche Anhänger, die den Auswirkungen dieses finanziell gigantischen Projekts in zunehmendem Maße skeptisch gegenüber gestanden waren.
Der Ex-Leverkusener hatte seine ganz speziellen sportlichen Gründe für die Absage, für welche wahrscheinlich sogar mehr sein Kumpel Jamal Musiala als die angeblich mangelnde Überzeugungskraft von Coach Vincent Kompany verantwortlich ist. Und demjenigen, der dem Belgier in diesem Zusammenhang etwas vorwerfen möchte, sei erwidert, dass er in dieser Disziplin beim vollzogenen Transfer von Tah und beim möglichen von Luis Díaz mit Bravour bestanden hat. Dass auch andere – Arne Slot – ihren Job verstehen, sollte nur normal sein.
Nico Williams wollte LaLiga nie verlassen
Auch Wirtz-„Ersatzmann“ (andere Position, aber FCB-Umdenken) Nico Williams kommt nicht an die Säbener Straße. Ganz abgesehen davon, dass ihm die Bayern-Verantwortlichen aufgrund seiner finanziellen Ansprüche offensichtlich sehr schnell abgesagt haben: Der 23-jährige Europameister wollte wohl nie aus Spanien weg.
Seit 2024 ist sein eigentliches Transferziel der FC Barcelona, nur der ist aktuell tatsächlich in einer peinlichen finanziellen Situation. So hat Williams im Baskenland bis 2035 verlängert – eine merkwürdige, dubiose Aktion. Sollten ihm die Bilbao-Fans dafür eine besondere „Treue-Medaille“ verleihen: Die hat er ganz gewiss nicht verdient.
Strahlkraft: Immer noch wollen viele Topspieler zum FCB
So ist der FC Bayern weiterhin auf der Suche nach einem Ersatz für Wirtz, nun auch für den nach Istanbul gewechselten Leroy Sané. Dass Jamal Musiala möglicherweise mit seinem Wadenbeinbruch und Bänderverletzungen bis zum Jahresende ausfallen wird, macht die Sache nur noch schwieriger. Die abgebenden Vereine wissen um die bayerische Not, was sich in den geforderten Mondpreisen bei den Ablösesummen manifestiert, nicht nur bei Nick Woltemade.
Zwar lässt auch Paris Saint-Germain Bradley Barcola nicht nach München ziehen, er besitzt beim CL-Sieger einen Vertrag bis 2028: Das ist aber eine Entscheidung des Vereins und keine Spielerabsage, weil der deutsche Rekordmeister keine Strahlkraft mehr hätte. Woltemade und Díaz würden sehr gerne nach München kommen, auch Xavi Simons, Rafael Leão und Christopher Nkunku sollen immer noch (oder immer wieder) mit einem Wechsel an die Säbener Straße liebäugeln.
Für einen „abgehängten Riesen“ interessieren sich immer noch auffallend viele hochkarätige Spieler für den FC Bayern. Übrigens sind bereits die vorhandenen Spieler absolut in der Lage, um alle Titel zu spielen – wenn sie gesund, fit und in Form sind. Joshua Kimmich hat wegen des spannenden, erfolgsversprechenden Projekts verlängert. Ebenso Jamal Musiala und Alphonso Davies. Es ging dabei keineswegs nur um Geld, wie böse Zungen behaupten.
Kompany ist ein klares Argument „pro FCB Bayern“
Oliver Kahn hat als Grund für die Spielerabsagen Richtung FC Bayern (es war im Grunde genommen nur Wirtz) die Inkonstanz mit den zahlreichen Trainern der letzten Jahre an der Säbener Straße genannt und sich selbst schuldbewusst gezeigt. Die (zu) rasche Abfolge – Hansi Flick, Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel – haben tatsächlich er und sein Sportvorstand Hasan Salihamidžić verursacht.
Aber: Wenn die aktuellen Verantwortlichen aus Kahns Fehlern lernen, dann lässt man Kompany noch einige Zeit seinen Job fortführen. Er macht das nämlich vorzüglich. Die Verunglimpfungen als „Rookie“ steckt er locker weg, weil er nämlich sicherlich die Geschichte von Udo Lattek beim FC Bayern und natürlich die seines früheren City-Coaches Pep Guardiola in Barcelona kennt.
Rest der Bundesliga akzeptiert und präferiert englische Dominanz
Wetten: Die Strahlkraft des FC Bayern reicht auch in dieser Transferperiode aus, um dann in der folgenden Saison die Bundesliga-Fans wieder über die Langweile jammern zu lassen. Deren einzige Hoffnung: Der FCB-Wettbewerbsnachteil durch die Teilnahme an der Klub-WM. Sonst ist man in Fußball-Deutschland eher einfallslos: Um einen spannenderen Wettbewerb – auf niedrigeren Niveau – zu fördern, stärkt man lieber die englische Premier League und lässt sie weiter davonziehen, bevor man einen deutschen Topspieler nach München gehen lässt.
Titelbild: „Koa Wusiala“ – Florian Wirtz hat da wohl „gekniffen“.
