FCB-Coach Vincent Kompany setzte bei der Klub-Weltmeisterschaft in den USA auf die arrivierten Spieler und erntete dafür heftige Kritik. Dazu ein Kommentar zur Situation am FCB-Campus.
Das Jahr 2017 sollte der Startschuss für eine großartige Nachwuchsarbeit des FC Bayern sein, welche sogar die Talentschmiede „La Masia“ des FC Barcelona in den Schatten stellen sollte. Die Genehmigung für die Baukosten des 70-Millionen-teuren Nachwuchsleistungszentrums im Münchner Norden hatte der Verein ein paar Jahre zuvor von den Mitgliedern auf einer Jahreshauptversammlung eingeholt.
FCB-Campus-Eröffnung mit großen Hoffnungen
Als am 12. August 2017 die U17 des Rekordmeisters das Campus-Stadion mit der Partie in der Bundesligastaffel Süd / Südwest gegen den SC Freiburg einweihte, gab es beim FCB großen Anlass zu Optimismus: Eben dieser Jahrgang ging als amtierender Deutscher Meister in die neue Saison, die U19 verlor das DM-Finale unglücklich im Elfmeterschießen gegen Borussia Dortmund im Signal Iduna Park.
Und auch das Eröffnungsspiel machte Lust auf mehr: Der FCB-Nachwuchs ließ den Breisgauern beim 4:1-Sieg keine Chance, für die ganz in rot gekleideten Bayern liefen unter anderem die heutigen Bundesligaspieler Benedict Hollerbach und Angelo Stiller, letzterer mittlerweile sogar Nationalspieler, auf. Der überragende Mann auf dem Platz war aber der 16-jährige Bayernstürmer Oliver Batista-Meier, der den anwesenden Zuschauern bei jener Partie große Hoffnung machte, dass der Nachfolger von Franck Ribéry vom eigenen Campus kommen könnte. Zu „OBM“ später mehr.
Acht Jahre Campus: Viele große Talente, keine Titel
Um es gleich vorwegzunehmen: In keiner der acht Spielzeiten seit Campus-Eröffnung war der FCB-Nachwuchs (Maßstab U19, U17) nur annähernd so erfolgreich wie in der Saison 2016/17. Die U17 um Stiller, „OBM“, aber auch Joshua Zirkzee, erreichte zum Ende der Spielzeit 2017/18 zwar das Finale, unterlag aber im Campus-Stadion dem BVB mit 2:3. Der damals (angeblich) 13-Jährige Youssoufa Moukoko schoss ein Tor für Dortmund, glänzte dabei weniger mit Technik als körperlicher Robustheit. Eine andere traurige Campus-Geschichte, aber nicht die des FCB.
2017 kam auch Josip Stanišić (vom SC Fürstenfeldbruck) zum FC Bayern. Er agierte in der U19 des Rekordmeisters eher unscheinbar, wurde trotzdem zum deutschen(!) U-19-Nationalspieler. Dass der gebürtige Münchner später einmal Profi des FC Bayern und mit Kroatien WM-Dritter werden würde, ließen seine Campus-Leistungen nicht ansatzweise erhoffen. Selbst als 23-Jähriger wurde er vom FCB noch als „Zukunftshoffnung“ nach Leverkusen verliehen.
Trotz Jamal Musiala, Malik Tillman, Joshua Zirkzee, Angelo Stiller, auch Frans Krätzig (der von U17-Coach Miro Klose wegen seiner Schmächtigkeit sogar ausgemustert wurde), Aleksandar Pavlović, Paul Wanner und vielen anderen großen Talenten hatte keine FCB-Nachwuchsmannschaft mehr eine Chance auf den deutschen Meistertitel. Hauptgrund: Die individuelle Entwicklung wird am Campus als wichtiger eingestuft als der Teamerfolg
. So wurden die besten U17-Spieler in die U19 hochgezogen, manchmal gar schon zu den Bayern Amateuren in die Regionalliga, die besten U19-Spieler sowieso in die Regionalliga geschickt oder zur Weiterentwicklung verliehen.
Umdenken durch Kompany: U-Titel wieder möglich
Dass U17 und U19 des FC Bayern in der abgelaufenen Saison erstmals seit vielen Jahren wieder in die Nähe des deutschen Meistertitels gekommen sind – beide schieden im Halbfinale aus – ist übrigens auch ein Verdienst von Vincent Kompany. Als im Meisterschaftsendspurt – auch wegen der zahlreichen Verletzungen – viele außenstehende Experten vehement den Einsatz von Campus-Spielern bei den Profis forderten, erwiderte er auf Pressekonferenzen, dass sich diese lieber darauf konzentrieren sollten, mit ihren Teams Titel einzufahren. Kompany – der Teamplayer.
Vom Campus-Spieler zum FCB-Profi: Es gibt nicht den einen „Königsweg“
Um beim FC Bayern Profi zu werden, gar Stamm- und Führungsspieler, benötigt man ein riesiges Talent, aber auch großes Durchsetzungsvermögen und durchaus Geduld. Die Wege sind unterschiedlich: Musiala, ein Talent mit Weltklassepotenzial konnte sich schon als 17-Jähriger durchsetzen, Pavlović als 19-Jähriger, war aber laut eigener Information als Jugendlicher auf dem Campus kurz vor dem Scheitern.
Stiller wurde als 20-Jähriger ungeduldig, ging nach Hoffenheim und ist nun als 24-Jähriger Nationalspieler beim VfB Stuttgart. Der absolute „Herzensverein“ des gebürtigen Münchners ist aber nach wie vor der FCB, für den er schon als Neunjähriger gekickt hatte. Wäre er geduldiger gewesen, die Bayern weitsichtiger, wäre er 2021 verliehen worden und wahrscheinlich heute beim Rekordmeister Nationalspieler.
Der für mich auffälligste und talentierteste FCB-Campus-Spieler bleibt aber – trotz Jamal Musiala – Oliver Batista-Meier. Nachdem er 19-jährig (2020) unter Hansi Flick einmal für den FC Bayern in der Bundesliga aufgelaufen ist, wurde er nach Heerenveen verliehen, 2022 fest an Dynamo Dresden abgegeben und spielt nun nach weiteren Stationen in Verl, Zürich, Ulm zweitklassig bei Preußen Münster. Unfassbar, aber auch ein Beweis dafür, dass Talent alleine nicht ausreicht, um sich bei einem Weltklasseverein wie dem FCB durchsetzen zu können.
Babbel kritisiert FCB, speziell Kompany für seine „Mutlosigkeit“
Zurück zur aktuellen Campus-Situation des FC Bayern, für welche speziell Kompany sehr viel Kritik einstecken muss. Stellvertretend für die Mahner plädiert der frühere Bayern-Profi Markus Babbel in einem Interview bei sport.de für ein Umdenken. Obwohl der heutige TV-Experte von Kompany generell überzeugt ist: „Was mir gar nicht gefällt, ist, dass er nicht den Mut hat, junge Spieler einzubauen. Die Klub-Weltmeisterschaft war ja eigentlich dafür prädestiniert.“
Kompany hatte in den USA in erster Linie auf arrivierte Kräfte gesetzt, lediglich gegen den Ozeanienmeister Auckland City kamen Lennart Karl und Adam Aznou zum Einsatz. „Wir reden ja von Talenten, die etwas können. Das sind ja keine Blindgänger“, monierte Babbel: „Man schmeißt ja nicht irgendjemanden dort rein, weil er den Platz irgendwo gewonnen hat und mal bei den Profis mitspielen darf … Das sind die besten Nachwuchskicker, die es in Deutschland oder zum Teil sogar in Europa gibt. Aber es kommt keiner durch.“
Der 52-Jährige mag es nicht glauben, dass beim Bayern kein Nachwuchsspieler spielt, der gut genug für die Profis ist: „Nur braucht man natürlich auch einen Trainer, einen Manager, eine Führungsriege, die alle den Mumm haben, eben auch die jungen Spieler reinzuschmeißen“.
Babbel liegt gewaltig falsch
Was Babbel und einigen anderen „Experten“ dabei entgangen zu sein scheint: Das Turnier in den USA ist eine Weltmeisterschaft und kein gewöhnliches Vorbereitungsturnier auf eine Saison. Dabei geht es um Prämien von bis zu 100 Millionen Euro und sehr sehr viel Prestige, eben einen WM-Titel. Es ist durchaus eine naive gar abenteuerliche Forderung, dieses Turnier als Rahmen für ein Schaulaufen von Jugendspielern anzusehen.
Und dann driftet der 51-fache deutsche Nationalspieler noch weiter ab. Als er Aleksandar Pavlović als das einzige Positivbeispiel für die Campus-Arbeit des FC Bayern benennt, behauptet er ergänzend: „Das war ein reines Zufallsprodukt, weil Thomas Tuchel so sauer war, dass er seinen Sechser nicht bekommen hat. Dann hat er fast zur Strafe der Bosse Pavlović gebracht, um zu zeigen, dass man ihm seinen Wunsch-Sechser hätte kaufen sollen“.
Pavlovic hätte es laut Babbel nie geschafft, „wenn nicht Thomas Tuchel mehr oder weniger so ein eigensinniger Mensch wäre und es eigentlich nur den Leuten zeigen wollte. Nach dem Motto: ‚Ich hab ja nix‘.“
Pavlović kein Zufallsprodukt, durch Fleiß und Intelligenz zum Nationalspieler
Sehr populistisch und so falsch, dass sich Markus Babbel damit endgültig aus dem Kreis der FCB-Campus-Insider verabschiedet hat. Es ist bekannt, dass der damals 18-jährige Pavlović bei vielen Trainingseinheiten der Profis des FC Bayern mitmachen durfte, als Tuchel Ende März 2023 den Trainerposten von Julian Nagelsmann übernommen hatte.
Dazu ein Auszug einer PK vom 7. November 2023, als der heutige England-Coach zu Pavlović nach dessen ersten beiden kürzeren BL-Einsätzen gefragt wurde: „Er ist schon eine Alternative im Mittelfeld. Er hat in der Vorbereitung gegen ManCity und Liverpool sensationell gut gespielt. Immer wenn er gespielt hat, hat er sehr gut gespielt.“
Tuchel erinnerte auch daran, warum der heutige Nationalspieler für einige Zeit tatsächlich außen vor war: „Dann hat er sich eine Krankheit eingefangen, die ihn mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt hat. Er ist ein sehr schlauer, sehr strategischer Spieler. Das, was er macht, macht er mit vollem Bewusstsein. Er ist extrem fleißig und ein netter Kerl. Er kommt jeden Tag mit einem Strahlen im Gesicht ins Training. Es sind alle Voraussetzungen gegeben, dass er seinen Weg gehen wird. Mit seiner Leistung in Dortmund war ich sehr zufrieden und es ist klar, dass es nicht sein letztes Spiel war.“
Wanner und Lennart: Talente, aber noch keine fertigen FCB-Spieler
Markus Babbels These mit dem „Zufallsprodukt“ wird durch Tuchel ad absurdum geführt. Nun rät der ehemalige FCB-Spieler seinem Ex-Verein konkret zum Einsatz von Paul Wanner und Lenart Karl: „Das sind auf alle Fälle zwei Spieler, die in meinen Augen das Potenzial haben, dort zu spielen. Paul Wanner hat eine tolle Entwicklung genommen.“
Glücklicherweise hat Babbel Kompany nun nicht dafür getadelt, dass er den 19-jährigen Wanner nicht bei der WM eingesetzt hat. Der junge Mann hatte nämlich selbst den Entschluss gefasst, nicht mit den FCB-Profis in die USA zu reisen, sondern mit der deutschen U21 die EM in der Slowakei zu spielen. Die Deutschen wurden gefeierte Vize-Europameister, Wanner konnte dagegen zumeist als Ergänzungsspieler (noch) nicht großartig glänzen.
Die „Öffentlichkeit“ forderte schon Einsätze beim 16-jährigen Wanner
Der gebürtige Österreicher (Dornbirn) ist übrigens der jüngste jemals in der Bundesliga vom FC Bayern eingesetzte Spieler: Nachdem ein Dutzend Profis Corona-bedingt ausgefallen waren und die DHL dem FCB keine Spielverlegung genehmigt hatte, setzte Julian Nagelsmann Wanner Anfang Januar 2022 mit 16 Jahren und 15 Tagen gegen Borussia Mönchengladbach ein.
Danach kamen sehr schnell öffentliche Forderungen, den 16-Jährigen künftig häufiger einzusetzen. Nagelsmann reagierte darauf nach dem U19-Pokal-Halbfinale im März 2022, bei welchem der FCB dem VfB Stuttgart im heimischen Campus-Stadion mit 1:3 n.V. unterlag, indem er darauf hinwies, dass Wanner erst einmal solche Nachwuchspartien spielerisch dominieren müsste. Tat er definitiv nicht, er wurde Mitte der 2. Halbzeit – ohne vorher Akzente gesetzt zu haben – ausgewechselt.
Lennart Karl: Geduld und gute Ratschläge sind erforderlich
Tatsächlich kann man am FCB-Campus sehr wenige der Dauerkritiker persönlich antreffen: Michael Ballack regelmäßig, seltener Stefan Effenberg, selbst einen Christian Falk von der BILD. Einen Markus Babbel habe ich dort dagegen noch nie gesehen. Er könnte sich dann mit Lennart Karls „Mentor“ Ballack unterhalten, der hoffentlich mehr Geduld aufbringt als die Öffentlichkeit – und zwar mit den FCB-Verantwortlichen, aber auch den Talenten selbst.
Eben jener Karl durfte mit gerade einmal 17 Jahren gegen Auckland City eine Halbzeit lang „WM-Luft“ schnuppern. Darauf darf er stolz sein und sollte nicht den externen Forderungen bezüglich seiner eigenen Profi-Einsatzzeiten zu viel Beachtung schenken. Er ist hochtalentiert, aber auch ihm wurden zuletzt selbst im Nachwuchsbereich die Grenzen aufgezeigt: In beiden Halbfinalspielen der U17 und U19, aber auch bei der U17-EM. Alles kein Beinbruch, wenn man die Gesamtsituation richtig einschätzt, geduldig und vernünftig bleibt.
Das gilt für Karl, aber auch Adam Aznou, Paul Wanner und den erst 16-jährigen Wisdom Mike, der eigentlich auch bei der Klub-WM dabei gewesen wäre. Die Schule hatte bei ihm aber Vorrang.
Babbels eigener vernünftiger Weg als junger Spieler
Und Markus Babbel sollte sich an seine eigenen ersten Schritte im Profifußball erinnern: Als Achtjähriger kam er zum FC Bayern und als knapp 20-Jähriger wurde er für zwei Jahre an den HSV verliehen (1992-94), in einer Zeit, in welcher der FC Bayern ganz weit weg von europäischer Spitzenklasse war. Er kam als gestandener Bundesligaspieler zurück, war selbst geduldig und vernünftig geblieben. Diesen Ratschlag sollte er den jungen Spielern geben und nicht einen Coach kritisieren, der in jungen Jahren schon wesentlich erfolgreicher ist als er es selbst je war.

Große Klasse – ein echter „Peters(Gradmesser)“
Weit weg vom Einheitsbrei der Boulevardpresse, die damit ausschließlich ihr stumpfsinniges Stammtischpublikum bedient.
Ein echter FCB-Fan verteidigt den Verein und trampelt nicht permanent auf ihm herum, nur weil irgendwelche Ex-Spieler, „Experten“ einen großen Quatsch über ihn erzählen.