Die legendäre erste deutsche Meisterschaft des FC Bayern unter Kurt Landauer

Der FC Bayern ist seit 1987 alleiniger deutscher Rekordmeister, steht heute bei stolzen 34 Titeln. Hier die Geschichte der ersten Meisterschaft vor 93 Jahren, es ist eine legendäre.

Am 12. Juni 1932 standen die Bayern unter dem legendären Präsidenten Kurt Landauer mit dem 1930 verpflichteten „Startrainer“ Richard Dombi nach mehreren vergeblichen Anläufen erstmals in der Vereinsgeschichte im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Der Gegner war die Frankfurter Eintracht, welcher man sechs Wochen zuvor im „Skandal-Endspiel“ um die Süddeutsche Meisterschaft noch unterlegen gewesen war.

Bereits zweimal zuvor – als Süddeutscher Meister 1926 und 1928 – waren die Bayern als Favorit in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft gegangen und jeweils vorzeitig gescheitert (1926 im Achtelfinale; 1928 im Halbfinale). Alle guten Dinge waren also Drei: Die „Viktoria“, die damalige Meistertrophäe sollte endlich nach München kommen. Als Endspielort wählte der DFB Nürnberg aus – durchaus überraschend, hatten die Bayern doch zwei Wochen zuvor ausgerechnet den Club im Halbfinale mit 2:0 eliminiert.

Grenzenlose Begeisterung – „Völkerwanderung“ der Bayernfans nach Nürnberg

Tausende, zehntausende Anhänger des FC Bayern – darunter mein Großvater – machten sich vor 93 Jahren in den Tagen vor dem Endspiel auf den Weg nach Nürnberg, um beim bis dato größten Spiel der Vereinsgeschichte dabei zu sein. Autokolonnen bildeten sich Richtung Nürnberg, die (Sonder-)Züge waren überfüllt, per Fahrrad und selbst zu Fuß waren (arbeitslose) FCB-Fans unterwegs. „Endspiel und Bayernsieg“ war der treffende Kommentar der Sportzeitschrift Fussball über den Enthusiasmus der Bayern-Anhänger.

Der FC Bayern stiftete damals zudem seinen erwerbslosen Anhängern die Eintrittskarten und die Verpflegung. Landauers rechte Hand, der heutige Ehrenpräsident Siegfried „Siggi“ Herrmann kümmerte sich um sie.

Unterwegs wurde immer wieder lautstark „Hipp, hipp, hurra, dem neuen Deutschen Meister“ skandiert.

Bereits einen Tag vor dem Finale überfluteten die Anhänger des FC Bayern und der Eintracht den Endspielort Nürnberg. Die Begeisterung schien grenzenlos. Dazu die Münchner Neuesten Nachrichten: „Selbst das Sportzentrum Nürnberg/Fürth hat ein solch gewaltiges Interesse für ein Fußballspiel noch nie erlebt, von überall her strömten die Massen zusammen, das herrliche Stadion war mit 58000 Menschen bis zur Grenze seines Fassungsvermögens gefüllt … Ein Fahnenwald umrahmte die in sattem Grün prangende prächtige Spielfläche; bereits gegen 2 Uhr mittags (eig. Anm.: 2 Stunden vor Spielbeginn) war das Oval ziemlich gefüllt, überall in der Runde flatterten die Fähnchen der beiden Parteien, wobei das Weiß-Blau der Bayern bedeutend stärker vertreten war als das Rot-Weiß der Frankfurter. Die Stimmung der Massen machte sich bereits beim Vorspiel Luft…

Die Bayern-Mannschaft selbst tauchte übrigens für die Öffentlichkeit – Journalisten und Fans – unter. Nicht einmal Präsident Landauer kannte das Quartier vor dem Finale: Sie war dort abgestiegen, wo man sie am wenigsten vermutete. Mitten in Nürnberg in einem Hotel nahe des Hauptbahnhofs 😉

2:0 – Endspiel-Sieg – erstmals Deutscher Meister

Bei drückend heißem Wetter ließ Richard Dombi folgende Mannschaft auflaufen (Titelbild):

Sigmund Haringer; Josef Bergmaier; Hans Welker; Konny Heidkamp; Joseph Lechler; Ernst Nagelschmitz; Robert Breindl; Franz Krumm; Hans Schmid II; Ludwig Lutte Goldbrunner; Oskar Ossi Rohr.

Platzwahl: Heidkamp und Frankfurts Franz Schütz

Es entwickelte sich ein intensives ausgeglichenes Spiel. Die Bayern machten jedoch den besseren Eindruck. Dazu in der 75-Jahres-Chronik: „Der Münchner Sturm spielte entschieden besser zusammen und machte mit seiner Kombination bedeutend mehr Eindruck.

In der 35. Minute dann die vorentscheidende Szene der Partie: Bergmaiers Ecke erreicht den harten bedrängten Krumm, der schießt sofort – die Hand des Frankfurters Stubb stoppt den Ball – Elfmeter!

Legendärer „Kreidewolke-Elfmeter“ von Rohr

Den Elfmeter zum 1:0 verwandelte Ossi Rohr:  Wohl eines der legendärsten Tore in der Geschichte des FC Bayern – vergleichbar mit „Katsche“ Schwarzenbecks Last Minute-Ausgleichstreffer 1974 oder Arjen Robbens Siegtreffer im Wembley-Finale 2013 gegen den BVB. Eigentlich sollte Kapitän Heidkamp den Strafstoß schießen, den verließen jedoch die Nerven und er bat den erst 20-jährigen Goalgetter Rohr, diese Aufgabe zu übernehmen. Ein bisschen wie Matthäus / Brehme im WM Finale 1990 gegen Argentinien.

Mitspieler Haringer schilderte die legendäre Szene: „Wie Rohr den Ball trifft, trifft er zunächst den Boden, so dass die Kreidemarkierung nur so staubt. Das war sein Glück, denn durch den Stoß in die Erde bekam sein Fuß eine andere Richtung. Hätte Rohr den Ball direkt getroffen, hätte er ihn dem guten und aufmerksamen Schmitt vor den Bauch gesetzt.

Unfaire Eintracht-Spieler bringen neutrale Fans auf die FCB-Seite

Die Frankfurter reagierten auf den Rückstand mit einer harten Gangart. Die neutralen Zuschauer – es waren sowieso schon mehr FCB- als Eintracht-Fans im Stadion – schlossen sich in Folge immer mehr dem Bayernlager an. Nagelschmitz verletzte sich bei einer harten Attacke und musste bis zur Halbzeit verletzt zuschauen. Die Bayern gingen trotz Unterzahl mit der knappen Führung in die Pause.

Spiel-Entscheidung „à la Robben“

Die Eintracht kam nach der Halbzeit zunächst besser ins Spiel, nach einer Stunde übernahmen aber wieder die Bayern das Kommando und in der 75. Minute fiel die Entscheidung: Franz Krumm überspielte nach einer schönen Kombination am linken Flügel zwei Gegenspieler, zog nach innen und knallte den Ball ins lange Eck zum 2:0. Eine Aktion, die man viele Jahrzehnte später bei Arjen Robben häufig bewundern und als Bayernanhänger bejubeln konnte.

Franz Krumm bei einer Strafraumszene.

Das Stadion, welches zu dem Zeitpunkt fast komplett auf Seiten der Bayern war, tobte und es drohte sehr frühzeitig ein Platzsturm. Den gab es dann tatsächlich nach dem Schlusspfiff – die Spieler wurden von ihren Anhängern auf den Schultern durch das Stadion getragen. Der Jubel kannte auf Münchner Seite keine Grenzen.

Der Torjubel beim 2:0
Josef Bergmaier – auf den Schultern der begeisterten Fans.

Die 75-Jahres-Chronik zur Leistung des FCB: „Der Sieg war ehrlich verdient – diese Überzeugung war allgemein, die Bayern-Mannschaft spielte entschieden besser, erreichte eine Form, die eines deutschen Meisters würdig ist. Kein schwacher Punkt von vorne bis hinten, jeder Mann mit aufopfernder Hingabe bis zum Schluss kämpfend.

Ausgelassene Meisterfeier

Nachdem die Spieler, Funktionäre und Fans schon unmittelbar nach dem siegreichen Finale in Nürnberg „die Sau rausgelassen hatten“ – unter anderem wurde der Viktoria, der damaligen Trophäe für die Deutsche Meisterschaft, das Nachthemd des FCB-Präsidenten Kurt Landauer angezogen und derart verhüllt landete sie in seinem Bett – gab es am darauffolgenden Tag einen triumphalen Meisterempfang in München.

Siegesfeier – in der Mitte die begehrte Viktoria – Dombi (links oben); Heidkamp (Mitte); Haringer und Rohr (rechts)

Dazu die 50-Jahres-Chronik des FC Bayern

„Der Einzug in München war ein triumphaler: Die Herren Sorg und Klippstein hatten in der zur Verfügung stehenden knappen Zeit von 24 Stunden alles meisterlich aufgezogen. In einer Kette mit Schimmeln bespannten Landauern (wie passend, dass selbst der Kutschentyp den Namen des Bayern-Präsidenten trug) ) zogen wir vom Südbau des Hauptbahnhofes über den Stachus durch die Neuhauser- und Kaufingerstraße über den Marienplatz in die Münchner Stadt ein. Große Gruppen unserer Aktiven und Jugendlichen, alle in der schmucken rot-weißen Bayerndreß, eröffneten und schlossen den Zug. Tausende von rot-weißen Fähnchen waren unter den spalierstehenden Münchnern verteilt worden, die den ganzen Zugsweg in dichten Mauern umsäumten. Die Heil- und Hochrufe und das Fähnchenschwenken wollten kein Ende nehmen. München begrüßte seinen ersten und bisher einzigen Deutschen Fußballmeister, seine „Bayern“, in stürmischer Sportbegeisterung.“

Heutzutage stolpert man wohl ziemlich schnell über die „Heilrufe“ – 1932 sollten diese aber noch ziemlich unbelastet und ausschließlich ein Ausdruck der puren Freude gewesen sein.

Meisterfeier 1932 dauerte zwei Wochen lang an

Die Lokalpresse schrieb über diesen Empfang: „München, jenes gemütliche München, dem man in aller Welt die ruhige, fast einer Großstadt fremde Lebensweise nachrühmt, das – konservativ in seiner Art – eigentlich lange braucht, bis es sich für etwas begeistern kann, dieses München verschwand gestern im Freudentaumel und in Siegesfreude.“

Bayernspieler Sigi Haringer gab später zu Protokoll, dass die Festivitäten „in allen möglichen und unmöglichen Restaurants und Bars und Nachtlokalen der Stadt“ 14 Tage angedauert haben!“ 

Die Bayern waren bereit für eine erste große Erfolgs-Ära in ihrer Vereinsgeschichte. Die (politische) Geschichte sollte sie aber noch einmal für drei Jahrzehnte ausbremsen.


PS: Warum wurde dieser Beitrag auch in die Rubrik „Fan der Woche“ eingeteilt? Für mich waren alle FCB-Fans, die am 12. Juni 1932 die Bayern in Nürnberg unterstützten, die Fans der Woche … speziell die Fußgänger und Radfahrer und natürlich mein Großvater!

3 Kommentare zu „Die legendäre erste deutsche Meisterschaft des FC Bayern unter Kurt Landauer

  1. PS: Warum wurde dieser Beitrag auch in die Rubrik „Fan der Woche“ eingeteilt?
    Für mich waren alle FCB-Fans, die am 12. Juni 1932 die Bayern in Nürnberg unterstützten, die Fans der Woche … speziell die Fußgänger und Radfahrer und natürlich mein Großvater!

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