Zuletzt gewann der FC Bayern in der Bundesliga-Spielzeit 2022/23 ein „Herzschlagfinale“ gegen den BVB. Dem Ruhrpott-Konkurrenten erging es 22 Jahre zuvor jedoch noch wesentlich schlimmer.
Am 19. Mai 2001 erlebte die Bundesliga das dramatischste Finale seiner Geschichte – am Ende jubelten die Bayern und Schalke versank in einem einzigen Tränenmeer. Dabei hatte man schon gedacht, dass am vorletzten Spieltag, welcher bereits an Dramatik kaum zu überbieten gewesen war, die (Vor-)Entscheidung gefallen wäre. Der Reihe nach…
Eine emotionale, verrückte, sportlich eher schwache FCB-Saison
Rückblickend betrachtet war die Saison 2000/01 trotz des herausragenden Finales – Deutsche Meisterschaft und erster Königsklassen-Triumph nach 25 langen Jahren des Wartens – eine vor allem in der Bundesliga äußerst mäßige des FC Bayern. Am Ende gewann der deutsche Rekordmeister seine 17. Deutsche Meisterschaft mit lediglich 63 Punkten und 62:37 Toren.
19 Bundesligasiegen standen satte neun(!) Niederlagen gegenüber. Nur 1993/94 hatte man – umgerechnet in die 3-Punkte-Regelung – eine schwächere Bilanz als Bundesligameister. 31 Mal war man – zumeist klar – besser. Wenn man bedenkt, dass selbst die gerade abgelaufene Spielzeit nicht ohne Kritik, darunter sogar harsche, betrachtet wird – bei 82 Punkten und 99:32 Toren!
Es war damals insgesamt eine FCB-Bundesligasaison mit vielen emotionalen Spielen, vielen Enttäuschungen. Das beste Spiel war wohl der grandiose 6:2-Heimspielsieg in der Vorrunde gegen den BVB, der lange Zeit auch um den Titel mitspielte und am Ende Dritter wurde.
Abwehrschlacht in Unterzahl im Westfalenstadion
Das Rückspiel in Dortmund, das Samstagabendspiel des 28. Spieltags am 7. April 2001, geriet zur Schlacht: Die Bayern führten früh durch Roque Santa Cruz (6.), Fredi Bobic glich kurz nach der Halbzeit aus. Es gab eine Unmenge an gelben Karten, vor allem für Bayernspieler. Bixente Lizarazu musste bereits früh (35.) mit Gelb-Rot vom Platz, Stefan Effenberg folgte nicht so viel später (55.) mit glatt Rot.
Es war in der 2. Halbzeit eine Abwehrschlacht, bei einem Freistoß an den Innenpfosten kurz vor Spielende hatten die Bayern großes Glück, die anschließende Jubelgeste von Oliver Kahn mit dem vom Pfosten abgeprallten Ball in der Hand war wohl die Szene des Spiels. Das lange Zeit in doppelter Überzahl spielende Dortmund zeigte sich am Ende entnervt und deprimiert – so musste auch Evanilson kurz vor Spielende nach einer Tätlichkeit vom Platz.
Der FC Bayern bereits aus dem Meisterrennen?
Zwar als moralischer Sieger dieses 1:1-Unentschiedens, aber personell arg geschwächt traten die Bayern eine Woche später gegen den Zweiten Schalke 04 an: Der Jubel im ausverkauften Olympiastadion über Carsten Janckers frühes 1:0 dauerte nur kurz an: Ebbe Sand erschoss die Bayern mit einem Hattrick fast im Alleingang: Diese 1:3-Heimniederlage schien die Vorentscheidung in der Meisterschaft zu Ungunsten des FCB zu sein.
Die nächsten drei Spiele gewannen die Bayern. Jedoch geriet die Bundesliga angesichts einer scheinbaren Fokussierung auf die Champions League etwas in den Hintergrund. Dass die Bayern am 32. Spieltag zwischen den beiden CL-Halbfinalspielen gegen Real Madrid (1:0; 2:1) durch ein spätes Santa-Cruz-Kopfball-Tor beim Tabellen-Vierten Leverkusen mit 1:0 gewannen, nahm man lediglich wohlwollend zur Kenntnis.
Drama Teil 1 – 33. Spieltag
Vor dem 33. Spieltag war Schalke 04 in der besseren Ausgangssituation im Meisterschaftsrennen: Zwar punktgleich mit den Bayern, aber zum einen mit dem besseren Torverhältnis ausgestattet, zum anderen mit dem scheinbar leichteren Restprogramm: in Stuttgart und gegen Unterhaching, beide tief im Abstiegskampf.
Die Bayern trafen an jenem Spieltag auf den 1. FC Kaiserslautern. Die Pfälzer waren im vorderen Mittelfeld platziert, aber in München immer ein unangenehm zu spielender höchst motivierter Gegner. Das Spiel begann aus Bayernsicht katastrophal – 0:1 durch Lokvenc nach gerade einmal fünf Minuten. Mit diesem Spielstand ging es auch in die Halbzeitpause. In Stuttgart stand es zu dem Zeitpunkt zwischen dem VfB und S04 0:0.
Nach der Pause starteten die Bayern einen Sturmlauf – das 1:1 durch Jancker in der 56. Minute war die Belohnung. Trotz Überlegenheit verkrampften die Bayern im weiteren Spielverlauf sichtbar immer mehr, das erlösende 2:1 wollte einfach nicht fallen. Die Schalker schienen das in Stuttgart mitzubekommen und es gab im damaligen Neckarstadion wohl lange so etwas wie einen Nicht-Angriffs-Pakt. Die Gelsenkirchener wären bei diesen Spielständen als Tabellenführer in den letzten Spieltag gegangen.
Das Blatt wendet sich
In beiden Stadien brach die letzte Spielminute an – und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Der unmittelbar zuvor eingewechselte Alexander Zickler brachte die Bayern mit einem fulminanten Volley-Nachschuss mit 2:1 in Führung. Legendär dabei sein Torjubel: Zuerst schien er nicht zu kapieren, was er gerade „angestellt“ hatte, dann „explodierte“ er förmlich.
Fast zeitgleich schoss in Stuttgart Krassimir Balakow die Schwaben gegen immer passiver werdende Schalker ebenfalls in Führung. Die frohe Kunde erreichte das Olympiastadion rasend schnell – die Arena glich sofort einem Tollhaus. Kurz darauf Schlusspfiff in beiden Arenen – die Bayern waren gefühlt bereits Deutscher Meister – lethargische Schalker am Boden.

Dass das alles noch einmal getoppt werden konnte, konnte an jenem strahlenden Nachmittag im Münchner Olympiastadion niemand erahnen …
Drama Teil 2 – drei Schauplätze
Wie es der Mannschaft in der folgenden Woche vor der finalen Partie in Hamburg ging, ist nicht bekannt, bei den Bayernfans ging auf alle Fälle das große Zittern los: Was ist, wenn man die Meisterschaft in Hamburg doch noch verspielt? Die Euphorie nach dem Lautern-Spiel wich zu Lasten einer gewaltigen Nervosität. Die Leistungen von Hitzfelds Mannen in der Bundesliga waren während der gesamten Saison zu schwankend, als dass man sich wirklich sicher sein konnte.
Dennoch schien die Meisterschaft an jenem 34. Spieltag der Saison 2000/01 frühzeitig zu Gunsten der Bayern entschieden zu sein – und die Bayern taten gar nichts dafür! Die SpVgg Unterhaching – unfassbar, nach 2000 (Leverkusen!) schon wieder die Münchner Vorstädter- ging auf Schalke sehr früh mit 2:0 in Führung.
Schalke musste nun schon drei Tore schießen, um bei einer gleichzeitig notwendigen Niederlage der Bayern noch Meister werden zu können. Die Hachinger hätten sich durch diesen Sieg noch vom 16. Platz lösen können, der damals – es gab keine Relegation – noch den direkten Abstieg bedeutete. Dafür durfte aber Energie Cottbus nicht in München bei den Löwen gewinnen.
Aber genau das passierte: Die Ostdeutschen gingen früh bei einigermaßen uninspirierten Sechzigern in Führung. Nicht ausgeschlossen, dass dies damals nicht wenige Löwenanhänger sogar freute – mit einem Streich konnte man beide ungeliebten Lokalrivalen stark ärgern bis ins Unglück stürzen…
Permanente Wendungen im Meisterschaftsfinale
Schalke glich kurz vor der Halbzeit per Doppelschlag gegen U´haching aus. In Hamburg stand es noch 0:0. Das Meisterschaftsrennen war wieder ganz offen. Jeweils ein Tor „auf der falschen Seite“ und Schalke wäre Deutscher Meister.
Aber die Spielvereinigung lebte noch und gab sich längst nicht auf: Abermalige Führung auf Schalke in der 69. Minute! Löwen und Bayern blieben zeitgleich passiv. Würden die Bayern denselben Fehler begehen wie Schalke eine Woche zuvor, nur auf das Ergebnis beim Titelkonkurrenten hoffen?
Dann traf ausgerechnet der Ex-Löwe Jörg Böhme mit einem weiteren Schalker Doppelschlag (73.; 74.) die Hachinger tief ins Herz – das Spiel war damit entschieden, Unterhaching auch ob der ausgebliebenen Schützenhilfe der Löwen demoralisiert und chancenlos. Dass fast gleichzeitig Carsten Jancker in Hamburg zur 1:0-Führung der Bayern traf, welche aber – zu Unrecht – wegen einer angeblichen Abseitsstellung des Münchner Stürmers aberkannt wurde, ging schon damals unter und weiß heute fast niemand mehr.
Die Schlussphase: Drama pur
Das Drama ging seinen Weg. Noch war Bayern Meister. Großes Zittern in Hamburg, Ebbe Sands 5:3 für S04 in der 89. Minute geriet zur Randnotiz.
Und dann köpfte Sergej Barbarez in der 90. Minute den HSV mit 1:0 in Führung. Der Jubel in Hamburg und auf Schalke war unendlich – es stellte sich die Frage, wer mit diesem Treffer eigentlich Deutscher Meister geworden wäre – der HSV oder S04?
Die Bayern am Boden – Oliver Kahns „Weiter, immer weiter!“ schien in diesem Moment nur eine hohle Phrase zu sein, sein aufmunternder Schubser für Sammy Kuffour eine wertlose Geste …

Schalke für vier Minuten, Bayern „auf ewig“ Meister
Während man in Gelsenkirchen fälschlicherweise den legendären „Vier-Minuten-Meister“ feierte, bahnte sich in Hamburg der letzte Teil des Meisterschaftsdramas seinen Weg. Die Bayern warfen noch einmal alles nach vorne – und dann kam ihnen tief in der Nachspielzeit ein Lapsus des HSV-Keepers zu Hilfe.
Schober (mit S04-Historie!) nahm einen Rückpass mit den Händen auf, anstelle ihn per Fuß auf die Tribüne zu jagen. Indirekter Freistoß im HSV-Strafraum, ca. 10 Meter vor dem Tor, halblinke Position. Die absolut letzte Hoffnung der Bayern, doch noch Meister zu werden.
Ganz Fußball-Deutschland hielt für gefühlt zwei Minuten den Atem an. Denn so lange dauerte es in etwa, bis der Freistoß endlich ausgeführt werden konnte. Kahn wühlte sich durch den Hamburger Strafraum, musste von Willy Sagnol „gebändigt“ werden. Als dann Patrik Andersson den Ball tatsächlich zum 1:1 durch eine Vielzahl an Beinen hindurch – wie konnte das eigentlich funktionieren? – ins kurze Eck schoss (Titelbild), war der „Vulkan“ schon wieder in seiner Hälfte … und hatte dann … legendär .. die Eckfahne sehr sehr lieb 😉

Tränen und grenzenloser Jubel
Das Spiel wurde nicht mehr angepfiffen – der Meisterschaftsjubel der Bayern war grenzenlos. Die sich vier Minuten lang bereits als Meister feiernden Schalker versanken in einem Tränenmeer – und konsternierte Hamburger mussten frenetisch feiernden Bayern bei der Schalenübergabe zuschauen.
Ein unfassbares Meisterschaftsfinale – heute vergisst man, dass es mehrere Akte hatte…
Die damaligen Protagonisten und ihre heutige Situation
Schalke 04 wurde auch danach noch mehrmals Vize-Meister, war aber nie wieder so nah dran am Titel. Aktuell Zweitligist – mit gefühlt wenig Ambitionen, wieder aufzusteigen.
Unterhaching, das im Jahr zuvor noch der FCB-Meistermacher war, kam nie wieder zurück in die Bundesliga, pendelte dann einige Jahre zwischen der Dritten Liga und der 2. Bundesliga, dann zwischen 3. Liga und Regionalliga, gerade wieder in die Viertklassigkeit abgestiegen.
Sechzig und Cottbus stiegen in den Folgejahren ebenfalls aus der Bundesliga ab, dann sogar aus der 2. Bundesliga.
Auch der lange Zeit als „BL-Dino“ gefeierte HSV stieg 2018 in die 2. Liga ab. Nach sechs erfolglosen Versuchen, ins Oberhaus zurückzukommen, ist nun endlich der frenetisch bejubelte Aufstieg gelungen. Es droht aber die Gefahr, eine der „Fahrstuhlmannschaften“ zwischen erster und zweiter Liga zu werden.
Der 1. FC Kaiserslautern ist nach vielen Jahren in der Dritten Liga wieder Zweitligist, die Tendenz ist insgesamt positiv. Nachdem Fritz Walters Erben dort regelmäßig Abstiegskandidaten gewesen sind, orientieren sie sich nun wieder nach oben.
Der VfB Stuttgart, der die letzte Saison sensationell als Vizemeister abschloss und dabei 73 Punkte erreichte, mehr als bei seinen drei BL-Meisterschaften 1984, 1992 und 2007, befindet sich im Mittelfeld der Bundesliga, kann aber noch Pokalsieger werden.
Der FC Bayern dagegen baut fast jährlich seinen Vorsprung als deutscher Rekordmeister aus. Mittlerweile sind es insgesamt 34 Titel, 33 davon zu BL-Zeiten. Findet die Meisterschaftsfeier einmal nicht auf dem Rathausbalkon des Münchner Marienplatzes statt, freut sich Rest-Fußballdeutschland diebisch und an der Säbener Straße herrscht Tristesse bis Panik. Selbst auf äußerst souveräne Weise gewonnene Meisterschaften wie die aktuelle werden selten entsprechend gewürdigt.

Das Drama am vorletzten Spieltag war schon Gänsehaut pur und werd ich nie vergessen.
Es wird immer wieder vergessen, dass Carsten Jancker einen klaren Treffer zum 1-0 erzielte, der fälschlicherweise als Abseits gewertet wurde. Hätte dieser gezählt, wäre das Spiel ganz locker heruntergeplätschert.
Hätte uns viele Nerven gespart
Das ist absolut richtig.
Das wird im Beitrag aber auch explizit erwähnt. In unserer Erinnerung ist der Treffer aber wegen eines angeblichen Foulspiels annulliert worden.
Wir sind uns auf alle Fälle einig, dass es ein absolut korrektes Tor war!
Schöne Story, mit allerdings zwei Fehlern, die ich als Bayern-Fan so nicht stehen lassen kann. Die Ausführung des Freistoßes wurde nicht um 2 Minuten, sondern lediglich um eine Minute verzögert und das Spiel wurde auch nicht sofort abgepfiffen, sondern es wurde noch eine weitere Minute gespielt. Nebenbei bemerkt, wurde das Tor von Jancker wegen angeblichem Abseits nicht anerkannt, was genauso falsch war.
@ Rainer M
In Bayern bezeichnet man jemanden wie dich als „Dipferlscheißer“…
Einen derart grandiosen Beitrag auf zwei derart unwichtige Dinge zu reduzieren, dazu… ich lass es lieber…
Zwischen dem Schober-Lapsus und dem Andersson-Tor ist sicherlich mehr als eine Minute vergangen… 1:20, 1:35, 1:50… ? Na und…
Ganz sicher falsch liegst du mit der Einschätzung der Spielzeit nach dem 1:1 … Eine Minute war es ganz sicher nicht. Es ist keine Spielszene mehr in Erinnerung. Also irgendetwas zwischen tatsächlich sofort abgepfiffen und Sekunden nach dem Anpfiff erfolgte der Abpfiff….
Sorry, aber ein völlig unnötiger Kommentar.
Foulspiel war tatsächlich abseits. Aber dem Jancker wurden damals eben auch sehr viele Tore zu Unrecht wegen angeblichen Fouls aberkannt.
Aber ganz ehrlich: Im Beitrag wird darauf hingewiesen, dass dem FCB fälschlicherweise ein (dann wohl Meisterschafts-entscheidendes) Tor aberkannt wurde. Daran können sich nur wenige erinnern. Ob Foul oder Abseits ist dabei eigentlich schnurzegal.
Bei den zeitlichen Angaben bleiben wir bei unserer Version. Zum einen wird sowieso von „gefühlt“ geschrieben, zum anderen gab es keine Aktion mehr nach dem Ausgleich – eine Minute ist das Spiel aber 100%ig sicher nicht mehr gelaufen…