Nach dem Ausfall von Jamal Musiala haben viele Thomas Müller gegen Inter Mailand in der FCB-Startelf erwartet. Trainer Kompany hat anders aufgestellt und steht prompt in der Kritik.
Seit bekannt wurde, dass die Vereinsikone Thomas Müller beim FC Bayern keinen neuen Vertrag mehr erhält, dreht sich in Fußball-Deutschland quasi alles um den Rekordspieler an der Säbener Straße. Täglich werden Verantwortliche durchs Dorf getrieben, die in Verdacht stehen, „Anti-Müller“ zu sein. Traf es zunächst vor allem Uli Hoeneß und Max Eberl, ist nun Vincent Kompany das neueste „Opfer“ der „Müllermania“, der riesigen Hysterie um die doch so unfair behandelte Fußballlegende.
Kompany stellt Guerreiro in die Startelf
Der Belgier, seines Zeichens Chefcoach des deutschen Rekordmeisters, hat es beim CL-Viertelfinal-Hinspiel gegen Inter Mailand tatsächlich gewagt, sich dem Volkswillen zu widersetzen und nach dem bitteren Ausfall von Musiala den zuletzt eher formschwachen Portugiesen Raphaël Guerreiro statt Müller in die Startformation zu beordern. Für viele Majestätsbeleidigung.
Durch Müllers Abstaubertor zum zwischenzeitlichen 1:1 sahen sich die zumeist scharfen Kompany-Kritiker bestätigt, dass der 38-Jährige einen unverzeihlichen Taktikfehler begangen, sich vercoacht hätte. Man könnte dieses Erfolgserlebnis aber auch umgekehrt als Bestätigung des Gelingens der Vorhaben des Belgiers sehen.
Bei Müller-Einwechslung erbebt die Arena
Als Thomas Müller in der 74. Minute für Guerreiro eingewechselt wurde, war das FCB-Spiel gerade – trotz großer Felddominanz – ziemlich eingeschlafen. Die Einwechslung des 35-Jährigen erfolgte wenig überraschend unter dem tosenden Applaus der Fans mit dem seit Langem in der Arena aus 70000 Kehlen praktizierten „Müüüüüüllllleeeerrrrrrrr“, dieses Mal noch einige Prozentpunkte lauter als sonst. Stimmungstechnisch war es fortan eine andere Partie in der Arena, auf dem Rasen selbst änderte sich auch durch die Hereinnahme von Müller nicht so viel.
Das „Prinzip Hoffnung“ auf den Rängen entlud sich bei Müllers Ausgleichstreffer per Abstaubertor in der 85. Minute in einer ekstatischen Jubelorgie auf dem Platz und den Zuschauerrängen. Plötzlich hatte man das Gefühl, dass die Bayern sogar mit einem knappen Sieg nach Mailand fahren könnten. Drei Minuten später fand diese Euphorie und der „Müller-Effekt“ durch den Inter-Konter zum 1:2 ein jähes Ende.
Bei Startelfeinsatz hätte es keinen „Müller-Effekt“ gegeben
War es tatsächlich ein Fehler von Kompany, Müller nicht in die Startelf zu beordern? Eher nein. An großen Europapokalabenden ist die Stimmung in der Münchner Arena zu Spielbeginn, speziell wenn es vorher – wie gestern – eine ansehnliche Choreografie gab, eigentlich immer außergewöhnlich gut. Gegen Inter bedauerlicherweise eher nicht, obwohl die Bayern einen durchaus guten Start in die Partie hatten. Lag das daran, dass Müller auf der Ersatzbank saß? Wohl nicht. Die späte Einwechslung brachte dagegen durchaus einen großen Effekt.
Hätte Harry Kane in der 26. Minute seine hundertprozentige Torchance verwertet, wäre es im Stadion wohl zu dieser „Explosion“ gekommen und Kompany hätte in den Augen der meisten „alles richtig“ gemacht. So aber war der Führungstreffer der Italiener durch den argentinischen Weltmeister Lautaro Martinez ein saftiger Nackenschlag.
Guerreiro spielte keine brillante Partie, das letztendlich negative Ergebnis an ihm festzumachen, wäre aber auch von Grund auf falsch. Im Gegenteil: In der 64. Minute hatte er eine überragende Offensivaktion, die durchaus ein Tor verdient gehabt hätte. In einer fließenden Bewegung holte er sich einen abprallenden Ball mit einer sauberen Brustannahme herunter und drosch dann das Leder aus der Luft aus 16 Meter ganz knapp über das von Yann Sommer gut gehütete Tor von Inter.
Hätten Kane oder Guerreiro getroffen, wäre Kompany der Held gewesen
Zwei mögliche sehr positive Szenarien wären also möglich gewesen: Entweder bringt Kane die Bayern mit dem 1:0 auf die Siegesstraße und gibt ihnen die teilweise fehlende Sicherheit – oder Guerreiro macht das 1:1 und der für ihn eingewechselte Müller das 2:1. Viel mehr hätte der Bayerncoach nicht richtig machen können.
So ist es aber wie immer – ob im Fußball oder auch anderswo: Man kann vieles völlig richtig machen. Wenn aber am Ende das damit erzielte Ergebnis nicht stimmt, steht man in der Kritik.
Müller – Teamplayer und perfekter Einwechselspieler
Thomas Müller selbst ist übrigens der perfekte Teamplayer: Dass nun aus Solidarität zu ihm andere aus seinem (Bayern-)Umfeld in die Pfanne gehauen werden, ist sicherlich nie und nimmer in seinem Sinn. Die meisten Sympathiebekundungen schmeicheln ihm ganz sicher – wem würde es nicht so ergehen? – aber der nun in manchen Bereichen um ihn inszenierte Kult dürfte ihm eher unangenehm bis peinlich sein.
Der Weltmeister von 2014 ist zudem aus vielen Gründen ein perfekter Einwechselspieler: Durch seine Spielintelligenz findet er sich unmittelbar zurecht, kann neue Impulse geben. Wenn mit seiner Einwechslung auch noch ein ganzes Stadion aus einer gewissen Lethargie erwacht, gibt es einen weiteren positiven Effekt. Für 90 Minuten auf dem international gespielten Level reicht es dagegen für ihn wohl nicht mehr. Hat also Kompany tatsächlich so viel oder überhaupt etwas falsch gemacht?

Sehe ich ähnlich, finde 74. Minute nur arg spät.
Macht Guerreiro das Tor…