Der FC Bayern bricht in der laufenden Saison auf der Torwartposition einige „Rekorde“. Glücklich ist darüber niemand, nur einmal in der Vereinshistorie war es noch schlimmer.
Seit dem verheerenden Skiunfall von Manuel Neuer im Dezember 2022 mit kompliziertem Unterschenkelbruch und nachfolgender einjähriger Zwangspause bereitet die Position des Torhüters den Verantwortlichen des FC Bayern in großer Regelmäßigkeit Kopfzerbrechen.
Anfang 2023 wurde hektisch ein mittelfristiger Ersatz gesucht und mit dem Keeper der Schweizer Nati, Yann Sommer, gefunden. Nun geht es um die langfristige Nachfolge des fünfmaligen Welttorwarts, aber auch in immer kürzeren Abständen um die Wahl des Ersatztorhüters, wenn der bald 39-Jährige wieder einmal verletzungsbedingt ausfällt.
Bereits vier eingesetzte Torhüter in der laufenden Saison
Auf diese Weise haben bereits Sven Ulreich zwei Saison-Pflichtspiele (Neuer blieb im CL-Spiel gegen Dinamo Zagreb zur Halbzeit in der Kabine), Daniel Peretz deren fünf (Neuer-Platzverweis im Pokal gegen Leverkusen mit nachfolgender Schulterverletzung) und nun der Winter-Neuzugang Jonas Urbig bereits vier Partien beim Rekordmeister gesammelt. Beim 21-Jährigen werden wohl kurzfristig noch ein paar mehr dazu kommen, weil Neuer beim Aufbautraining nach seiner beim Torjubel erlittenen Wadenverletzung wieder einen Rückschlag erlitten hat.
Eigentlich war das Comeback des Weltmeisters von 2014 für das nächste Bundesligaspiel gegen den FC St. Pauli erwartet worden. Nun soll er zumindest gegen die Kiezkicker, wohl auch in Augsburg und möglicherweise sogar beim CL-Viertelfinal-Hinspiel gegen Inter Mailand (mit Yann Sommer!) ausfallen. Jonas Urbig soll ihn wieder ersetzen, aber auch der ist vor knapp einer Woche angeschlagen von der deutschen U21-Nationalmannschaft abgereist.
Viele Verletzungen und ein CL-Rekord
Fällt Urbig ebenfalls aus, würde wohl der israelische Nationalkeeper Peretz das Tor des Rekordmeisters hüten. Aber auch der 24-Jährige fiel in der laufenden Spielzeit bereits zweimal langfristig aus: Gleich zu Beginn der Saison zwei Monate lang wegen eines Muskelteilabrisses und zu Jahresbeginn erneut über denselben Zeitraum wegen einer bei einem Trainingsunfall erlittenen Nierenquetschung. Sven Ulreich dagegen trainiert(e) in den letzten Monaten „aus privaten Gründen“ eher unregelmäßig.
Aufgrund dieser wenig erfreulichen Umstände stellte der FC Bayern in der laufenden CL-Saison einen neuen Wettbewerbsrekord auf: Noch nie benötigte ein Verein in der Königsklasse in einer einzigen Spielzeit vier Torhüter. Der deutsche Rekordmeister schaffte das sogar schon in seinen ersten elf CL-Partien.
Horrorsaison: Drei Cheftrainer und Amateure-Keeper
In der Bundesliga benötigte der FCB schon einmal vier unterschiedliche Torhüter: In der Saison 1991/92, der wohl chaotischsten Spielzeit seit dem Aufstieg 1965 und neben der Saison 1977/78 der sportlich schwächsten.
In jener Spielzeit wurde Jupp Heynckes nach einem mehr als holprigen Start bereits im Spätsommer entlassen und durch den ehemaligen Bayernspieler Sören Lerby (1983-86) ersetzt. Uli Hoeneß bezeichnet noch heute die Demission der späteren FCB-Trainerlegende als seinen „schlimmsten Fehler“. Nachdem Lerby noch unglücklicher als sein Vorgänger agierte – unter anderem wurden die Bayern von seinen dänischen Landsleuten bei der 2:6-Klatsche im UEFA-Pokal in Kopenhagen als „Mickey Mouse Truppe“ verspottet, wurde er noch in derselben Saison von „Sir“ Erich Ribbeck ersetzt. Drei Cheftrainer in einer Spielzeit: Einmalig beim FC Bayern!
Sogar eine Legende hilft kurzzeitig aus
Die sportliche Krise stand 1991/92 – anders als aktuell – aber auch im Kontext mit Torwart-Problemen. Raimond Aumann, die damalige Nummer 1, fiel früh in der Saison aus, Ersatztorhüter Sven Scheuer gar die gesamte Spielzeit. So stand plötzlich der ein Jahr zuvor von Türk Gücü verpflichtete Gerry Hillringhaus, eigentlich für die Bayern Amateure vorgesehen, zwischen den Pfosten des Rekordmeisters. Und das wenig souverän, weswegen der FC Bayern im Oktober 1991 die bereits 37-jährige deutsche Torwartlegende Toni Schumacher von Fenerbahçe Istanbul holte.
Der Europameister von 1980 und zweimalige Vizeweltmeister (1982; 1986) machte unter Lerby bis zum Jahresende acht BL-Spiele. Als sich Aumann wieder fit meldete, verabschiedete er sich im Februar 1992 wieder aus München. Ein Fehler, denn Aumann verletzte sich erneut, Hillringhaus kehrte ins FCB-Tor zurück und auch Uwe Gospodarek, der Münchner Ersatzkeeper ab der Spielzeit 1992/93 und interessanterweise Urbigs Torwarttrainer in Köln, durfte einmal – bereits unter Ribbeck – das Tor hüten.
Kein Wunder, dass die Saison für die Bayern auf Rang 10 endete, sogar mit einem negativen Punktverhältnis: 32:36 (2-Punkte-Regel). Der FCB-Amateure-Keeper Gerald Hillringhaus stand dabei insgesamt 16 Mal zwischen den Pfosten, hatte damit die meisten Partien der vier eingesetzten Keeper. Nach der Saison ging er zu Schalke 04, blieb dort ohne Pflichtspieleinsatz, und wechselte dann im Sommer 1993 zum Zweitligaaufsteiger Tennis Borussia Berlin.
Im Chaos zeigt sich die „Bayern-Familie“
2024/25 – „Torwart-Chaos“ beim Rekordmeister, aber verglichen mit 1991/92 fast schon ein Luxus-Problem. Auf allen Ebenen. Als der FC Bayern im Spätherbst 1991 mit Lerby und trotz Schumacher den Abstiegsplätzen bedrohlich nahe kam, zeigten übrigens die Vereinslegenden Franz Beckenbauer und Karlheinz Rummenigge großes Verantwortungsbewusstsein und kamen als Vizepräsidenten zum FCB zurück.
