FC Bayern chancenlos in der Champions League? Ein Blick in die Historie erstaunt

Nach der wenig souveränen Achtelfinal-Qualifikation gegen Celtic Glasgow wird dem FC Bayern von vielen Experten ein frühes CL-Ausscheiden prophezeit. Ein Blick in die glorreiche Vergangenheit des Rekordmeisters sollte die scharfen Kritiker besänftigen.

Abgesehen vom frühen Scheitern im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen, welches nicht zuletzt auf den sehr frühen Platzverweis von Manuel Neuer zurückzuführen war, spielt der FC Bayern unter dem neuen Trainer Vincent Kompany eine beachtlich gute Saison, die dem Rekordmeister vor dem Beginn der Spielzeit viele nicht zugetraut hätten. Trotzdem scheinen die Kritiker zahlreicher als jemals zuvor in der Vereinsgeschichte zu sein.

Finale dahoam reloaded“ das ersehnte Ziel

Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass der große Wunschtraum des FC Bayern 2025 ein extrem hoher Gipfel ist: Man würde das Finale dahoam nicht nur sehr gerne wie 2012 bestreiten, sondern man möchte es am 31. Mai in der heimischen Arena auch gewinnen. Wenn der schwierigste Titel im Vereinsfußball als Maßstab hergenommen wird, dann sind die Ansprüche und dementsprechend das Kritikpotenzial auch besonders groß.

Vor der am Freitag anstehenden Auslosung für die Champions League Achtelfinal- Partien, die dem FC Bayern entweder Atlético Madrid oder Leverkusen bescheren wird, wird dieser nicht zu den Topfavoriten auf den Königsklassentitel gezählt. Schaut man in die Vereinshistorie, ist dies allerdings kein so schlechtes Omen. Zuletzt galt der Rekordmeister in der Ära Pep Guardiola (2013-2016) zu dieser Jahreszeit sogar dreimal in Folge als einer der, wenn nicht sogar der Topfavorit auf den CL-Gewinn – und scheiterte jeweils im Halbfinale.

Der FC Bayern ist sechsfacher Königsklassen-Sieger, dreimal zu Zeiten des Europapokals der Landesmeister (1974, 1975, 1976) und dreimal als CL-Sieger (2001, 2013, 2020). Obwohl die letzten beiden Triumphe in den legendären Triple-Spielzeiten errungen wurden, waren auch sie nicht ohne vorherige Krisen und Schwächephasen. Die vorherigen sowieso nicht.

1974: Erstmals auf dem europäischen Thron

Die Saison 1973/74 gilt als eine der größten, der besten der FCB-Geschichte, aber auch des deutschen Fußballs insgesamt. Nachdem dem FC Bayern der erste nationale Titel-Hattrick im Fußball gelungen war, gewann er als erster deutscher Verein den Europapokal der Landesmeister und Deutschland wurde knapp zwei Monate später bei der Heim-WM mit den FCB-Heroen Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, Uli Hoeneß, Paul Breitner und Katsche Schwarzenbeck Weltmeister.

Vergessen wird dabei nur zu gerne, wie der FC Bayern ins Landesmeistercup-Finale gegen Atlético Madrid, das erst im Wiederholungsspiel glorreich mit 4:0 gewonnen werden konnte, eingezogen war. Im Kontext der heutigen Wahrnehmung ausschließlich mit Dusel, Unvermögen, unterirdischen Leistungen – gegen Gegner, die mittlerweile von der europäischen Fußball-Landkarte verschwunden sind: Für Schwedens Meister Atvidaberg FF benötigte man in der ersten Runde das Elfmeterschießen, gegen den DDR-Meister Dynamo Dresden waren es zwei Krimis (4:3; 3:3), im Viertelfinale verlor man nach einem 4:1-Heimsieg in Sofia gegen ZSKA mit 1:2 und musste dabei bis zum Schlusspfiff ums Weiterkommen zittern. Erst die Halbfinal-Spiele gegen Ujpest Dosza Budapest wurden nach heutigem Verständnis souverän bestritten (1:1; 3:0).

In der Bundesliga verloren Beckenbauer & Co. an einem grauen Herbstnachmittag beim damaligen Angstgegner Kaiserslautern auf dem Betzenberg nach einer 3:0- und 4:1-Führung noch zu Beginn der zweiten Halbzeit mit 4:7! Die Schlagzeilen – vor allem um Dayot Upamecano, Minjae Kim und wohl auch Manuel Neuer – möchte man sich bei einem ähnlichen Desaster in der aktuellen Spielzeit gar nicht ausmalen.

1975, 1976 – Europapokal-Hattrick & graue Maus in der Bundesliga

Nach der erfolgreichen Saison 1973/74 starteten die mit fünf Weltmeistern und Neuzugang Karlheinz Rummenigge bestückten Bayern in der Bundesliga mit einem 0:6 bei Kickers Offenbach: Sinnbildlich für eine für FCB-Verhältnisse unterirdische Saison, die – zwischenzeitlich sogar mit Kontakt zur Abstiegszone – auf dem zehnten Platz endete.

Den Landesmeistercup verteidigte man routiniert, ohne dass man ein einziges Mal überragenden Fußball geboten hatte. Das Halbfinal-Hinspiel bei AS St. Étienne (0:0, Rückspiel 2:0) war eine Abwehrschlacht, auch das Endspiel gegen Leeds United in Paris (2:0). Und wir sprechen hier von einer Abwehrschlacht im ursprünglichen Sinne und nicht von einer aus dem Jahr 2025, bei welcher man – wie der FCB in Leverkusen – sogar noch 44 Prozent Ballbesitz haben darf.

Auch in der Saison 1975/76, die der FC Bayern am Ende mit dem legendären Europapokal-Hattrick abschließen konnte, hatte er zu keinem Zeitpunkt eine realistische Chance auf die Deutsche Meisterschaft, obwohl sich letztendlich Borussia Mönchengladbach mit der kümmerlichen Punkteanzahl von 61 (damals 45:23) durchsetzen konnte. Zum Vergleich: Vincent Kompanys Team hat nach 22 Spieltagen bereits 55 Punkte auf der Habenseite und könnte die Gladbacher Meisterbilanz von damals bereits zehn Spieltage früher erreichen.

2001 – legendäres FCB-Jahr, der gebotene Sport war es nicht

Ein Vierteljahrhundert und drei verlorene Königsklassen-Endspiele nach dem Hattrick der 1976er Legenden gelang dem FC Bayern mit Stefan Effenberg, Oliver Kahn & Co unter der Leitung von Ottmar Hitzfeld endlich wieder ein Triumph in der Champions League.

Von jener Spielzeit 2000/01 sind vor allem die auf unfassbar dramatische Weise gewonnenen Titel in Erinnerung geblieben: Das Bundesliga-Herzschlagfinale in Hamburg im Fernduell mit dem „Vier-Minuten-Meister“ Schalke 04 und das Elfmeterschießen im CL-Finale in Mailand gegen den FC Valencia.

Wer aber weiß noch, dass der FCB damals eigentlich eine richtig schwache BL-Saison mit insgesamt fünf(!) Heimniederlagen gespielt hatte? An die Wutrede von Präsident Franz Beckenbauer nach dem blamablen 0:3 in der CL-Zwischenrunde bei Olympique Lyon erinnern sich die etwas älteren FCB-Fans aber gewiss noch: „Altherrenfußball“ und „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft“.

2013 – Erstes Triple, aber auch frühes CL-Aus war möglich

Die Triplesaison 2012/13 unter der Trainerlegende Jupp Heynckes gilt heute als die wohl beste FCB-Spielzeit seiner 125-jährigen Vereinsgeschichte. Den dabei erzielten sensationellen BL-Punkterekord konnten in der vergangenen Saison nicht einmal die ungeschlagenen Leverkusener brechen.

Aber: In der CL-Gruppenphase blamierte sich der FC Bayern beim 1:3 beim weißrussischen Meister Bate Borisov bis auf die Knochen und im Achtelfinale stand er trotz eines 3:1-Hinspielsiegs bei Arsenal London im Rückspiel zuhause kurz vor dem Ausscheiden. Eigener Chancenwucher und optimale Torausbeute beim Gegner – kommt einem das nicht bekannt vor? – ließen die Bayern bei der 0:2-Heimniederlage bis zum Schlusspfiff zittern. Wohl sogar mehr als jüngst gegen Celtic.

2020 – Sextuple-Bayern erst nach Trainerwechsel

Die Saison 2019/20 startete für den FC Bayern – unter normalen Bedingungen – chaotisch unter dem Chefcoach Niko Kovač und endete unter Corona-Bedingungen triumphal mit dem zweiten Triple der Vereinsgeschichte, welches auf ähnlich sensationelle Weise errungen wurde wie 2013. Letztendlich wurde daraus sogar ein Sextuple, welches in der bisherigen Fußball-Weltgeschichte nur noch dem FC Barcelona 2009 gelungen war.

Zwischen dem chaotischem Saisonbeginn und dem triumphalen Ende gab es einen Trainerwechsel: Kovač musste nach einer peinlichen 1:5-Pleite in Frankfurt für seinen Co-Trainer Hansi Flick das Feld räumen.

FC Bayern kein chancenloser Außenseiter

Bei allen Königsklassen-Triumphen des FC Bayern gab es während der jeweiligen Saison Schwächephasen, die auch zu einem Scheitern hätten führen können. Das heißt jetzt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass Kompanys aktuell etwas schwächelnde Mannschaft deswegen zu den Topfavoriten auf den CL-Titel zu zählen ist. Wer den deutschen Rekordmeister nun aber in diesem Wettbewerb abschreibt, könnte sich am Ende aber auch gewaltig geirrt haben.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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