Es war eine ungewöhnliche Taktik, die den Acht-Punkte-Vorsprung des FC Bayern in der Bundesliga vor Titelverteidiger Bayer Leverkusen sicherte. Die Mehrheit der Medien und ihre Experten kritisierten den Rekordmeister dafür scharf, die Fans feiern dagegen Kompany, Upamecano & Co.
Natürlich war die Ernüchterung beim Topspiel in der BayArena spätestens eine Viertelstunde nach der Halbzeitpause bei den meisten Bayernfans groß, dass ihre Mannschaft nicht den Schlagabtausch suchte bzw. die Offensivbemühungen quasi eingestellt waren. Das war man so vom FC Bayern nicht gewohnt. Einige taten ihre Enttäuschung bereits während des Spiels, andere nach der Partie auf den zahlreichen Social Media Kanälen kund – wie üblich durchaus auch in verschärfter Form.
Von einem „absoluten Tiefpunkt unserer Mannschaft“ war die Rede, von einer „(Sturm-)Katastrophe“, es gab sogar Anhänger, die sich für Taktik und Leistung „geschämt“ haben wollen, natürlich auch Beleidigungen. Eine große Mehrheit der Bayernfans dachte aber ganz anders, hatte Verständnis für die Art und Weise, wie man das Unentschieden beim Titelverteidiger und einzig verbliebenem Titelkonkurrenten erkämpft hatte und feierte speziell Chefcoach Vincent Kompany, einen Dayot Upamecano in „Weltklasseform“ und auch Manuel Neuer, der einige Male glänzend pariert hatte, nach dem Spiel aber auch gestand, dass man sich im Training bereits auf diese Art von Fußball eingestellt hatte.
Spätestens zu dem Zeitpunkt hätten auch Medien und ihre Experten zumindest feststellen können: Kompanys Bayern „können auch Abwehr(schlacht)“. Diese Fähigkeit wird dem Rekordmeister in dieser Saison bislang kategorisch abgesprochen und nun wurde der Beweis, dass es dennoch funktionieren kann, erbracht und es wird medial ignoriert?
Dagegen sammelten die Bayernfans sehr schnell Argumente: Bayern hatte beim 1:1 im Heimspiel gegen Leverkusen 18:3 Torschüsse und 69 Prozent Ballbesitz, dabei sogar – was in so einer Konstellation meist ungewöhnlich ist – 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Die Leverkusener Bilanz bei der „0:0-Niederlage“ lautete 15:2 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, nur 47 Prozent gewonnene Zweikämpfe.
Leverkusen und Xabi Alonso wurden im Herbst für eine „meisterliche Taktik“ gefeiert, der FC Bayern gleichzeitig für seine Ineffizienz vor dem Tor getadelt. Diese Partie fließt noch heute in die Negativbewertungen der gesamten Saisonbetrachtung des FCB unter dem Motto „Der FC Bayern kann kein Topspiel“ ein.
Dagegen werden nun Kompany & Co bei einem sehr ähnlichen Spielverlauf alle erdenklichen Negativbilanzen der Bundesligahistorie vor die Nase gehalten. Wäre Harry Kane übrigens bei seiner durchaus erwähnenswerten Kopfballchance kurz vor der Halbzeit nicht knapp im Abseits gestanden, könnten diese sämtlich wieder im Archiv verstaut werden.
Die Sichtweise der Bayernfans auf die ungewohnt destruktive FCB-Spieltaktik in Leverkusen ist dagegen nicht nur verständnisvoller – okay, „Vereinsbrille“ – aber auch differenzierter als so manches „Expertenurteil“.
So zeigten sich bei einer Social Media Umfrage der FCB-Fanseite FC Bayern Total 90 Prozent der Vereinsanhänger vollkommen zufrieden mit der bayerischen Performance im Topspiel in Leverkusen.
47 Prozent freuten sich fast schon diebisch darüber, dass der FCB nun genauso in Leverkusen aufgetreten ist wie die Werkself in München und dass man damit auch einen eindrucksvollen Beweis erbringen konnte, dass auch unter höchster Belastung Verlass auf die Verteidigung ist.
Dass so eine destruktive Spieltaktik angesichts der kräftezehrenden Partie bei Celtic Glasgow weniger als drei Tage zuvor bei einem acht-Tore-Vorsprung in der Liga absolut in Ordnung ist, fanden 43 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Fans.
Für sieben Prozent war zwar „das Ergebnis ok, aber keineswegs die Leistung.“ Lediglich drei Prozent schlossen direkt den Medien-Experten um Didi Hamann, aber auch Bastian Schweinsteiger an: „Ich bin enttäuscht. Das war nicht Bayern-like.“
Der xG-Wert des FC Bayern in Leverkusen war mit 0,05 tatsächlich extrem niedrig – wahrscheinlich wirklich sein BL-Negativwert seit der entsprechenden Datenerfassung. Die Werkself hatte in München aber ebenfalls nur einen Wert von 0,06 „expected Goals“. Durchaus eine Überprüfung wert, ob das nicht ein absoluter BL-Negativrekord für einen amtierenden Deutschen Meister ist…

FC Bayern München Fan werden Manuel Röhrenbach
Was willst du uns damit bitte sagen?
Man kann zuletzt nicht immer stolz auf die Mehrheit der FCB-Fans sein. In diesem Fall aber umso mehr 🙂