Als Vincent Kompany Ende Mai 2024 als neuer Trainer beim FC Bayern vorgestellt wurde, erntete der Verein viel Hohn und Spott für diese Entscheidung. Längst hat sich der Belgier viel Respekt und Sympathien erarbeitet, trotzdem holt ihn das Anfangsszenario immer wieder ein.
Immer wenn es beim deutschen Rekordmeister nicht ganz so gut läuft, immer wenn es nur leichte Ansätze für Kritik gibt, fährt die Öffentlichkeit inklusive der vielen Millionen FCB-Fans in den Krisenmodus und Vincent Kompany bekommt zu hören, dass er sowieso nur die Lösung XY an der Säbener Straße gewesen wäre. Dass der für seine Verpflichtung hauptverantwortliche Sportvorstand Max Eberl diese späte Entscheidung mittlerweile mehrmals als bedauerlichen Fehler bezeichnet hat, weil man „Vinny bereits sehr früh auf dem Radar gehabt“ hätte, spielt keine Rolle.
Dabei spielt der FC Bayern bislang vor allem in der Bundesliga eine überragende Saison. Die 51 Punkte und 62:19 Tore wurden in der 62-jährigen BL-Geschichte insgesamt lediglich dreimal übertroffen: 2013/14 in Pep Guardiolas Debütsaison (56 Punkte), in welcher dieser dann leider zum Saisonende zu früh den Stecker zog und so im CL-Halbfinale krachend an Real Madrid scheiterte. 2015/16 ebenfalls unter dem Katalanen (53 Punkte) und in der vergangenen Spielzeit hatte Bayer Leverkusen zu diesem Zeitpunkt 52 Punkte auf dem Konto. Punktgleich liegt man derzeit mit Jupp Heynckes 2013er Triple-Helden, die mit 51:7 zu 62:19 ein um ein Tor besseres Torverhältnis aufwiesen. Wäre man gegen Holstein Kiel in der Schlussphase nicht gar so unkonzentriert zu Werke gegangen, wäre es genau anders herum.
In der Champions League lief es nicht ganz so optimal, was aber mehr an einer offensichtlichen Ineffizienz von Kompanys Truppe lag, die in wichtigen Statistiken die dominierende Mannschaft war, als am unerfahrenen 38-jährigen Trainer. In Sachen Ballbesitz und Torschussverhältnis lag der FC Bayern mit weitem Abstand an der Spitze aller 36 Teams.
Bilanz nach CL-Ligaphase: Der FC Bayern das dominante Team – FC Bayern Total
Das bittere Ausscheiden im DFB-Pokal kann man dem Belgier zudem keineswegs anlasten. Nach einem frühen Blackout des fünfmaligen Welttorhüters Manuel Neuer musste der deutsche Rekordmeister fast die gesamte Spieldauer in Unterzahl gegen den großen deutschen Rivalen aus Leverkusen spielen und verlor dennoch eher unglücklich als verdient nur mit 0:1.
Was Vincent Kompany regelmäßig zum Vorwurf gemacht wird, ist die tatsächlich zuletzt so benannte „Gegentorflut“. Dabei wird komplett außer acht gelassen, dass der FC Bayern in der heimischen Liga die beste Abwehr darstellt. Der viel gelobte Kontrahent aus Leverkusen ließ insgesamt sogar acht gegnerische Treffer mehr zu, ein entsprechendes Abwehrproblem wurde dort aber öffentlich noch nie ausgiebig diskutiert.
Die SportBild hat jetzt aber einen ganz anderen Ansatz gefunden, um FCB-Coach Kompany nahezu vorzuführen: Sie versetzt sich in die Lage des beim Kiel-Spiel beim Stande von 4:0 ausgewechselten Toptorjägers Harry Kane und titelt in der Kolumne von Raimund Hinko „Was Kompany bei Kane ändern muss“. Der Reporter-Legende sollte man aber zu Gute halten, dass er diesen Beitrag ganz offensichtlich einem jüngeren Kollegen überlassen hat.
Die Kolumne kanzelt Kompany auf höhnische Weise ab, verneint dies explizit und behauptet stattdessen, dass dies der Realität entsprechen würde. Kurz zusammen gefasst: Die Auswechslung der englischen Tormaschine in der 58. Minute für Thomas Müller wird mehr oder weniger als unnötiger Anfängerfehler des 38-Jährigen verspottet. Denn der 31-jährige Kane möchte einen Hattrick nach dem anderen erzielen, Schonung braucht er gewiss nicht.
Damit irrt der SportBild-Autor wohl aber ebenso wie es Thomas Tuchel, dem Bayerntrainer der unglücklichen Vorsaison, passiert ist: Kane stellte unter ihm im Bayerntrikot einen Torrekord nach dem anderen auf, holte mit 36 Toren die Torjägerkanone in der Bundesliga und den Goldenen Schuh in Europa. Aber: Was Kane in seiner Karriere immer noch fehlt, sind keine individuellen Auszeichnungen, sondern es ist ein (einziger) großer Mannschaftstitel: Schon 31 Jahre alt steht da bislang auf der Habenseite des Kapitäns der Three Lions eine fette Null. Kein Titel mit England, keiner mit Tottenham Hotspur und zur Überraschung aller noch nicht einmal mit dem FC Bayern, der grundsätzlich eine Titelgarantie in seiner Vereins-DNA eingebaut hat.
Trotz Kanes überragender Torquote in der Spielzeit 2023/24 musste der FCB früh in der Saison Leverkusen ziehen lassen und hatte quasi schon im März keine Aussichten mehr auf einen nationalen Titel. Ein Triumph in der Champions League war dagegen absolut im Bereich des Möglichen.
Beim späteren Titelträger Real Madrid war Bayern im Halbfinal-Rückspiel bis zur 89. Minute auf Finalkurs. Zu dem Zeitpunkt war Kane schon nicht mehr auf dem Feld. Platt von der langen anstrengenden Saison musste er zehn Minuten zuvor angeschlagen ausgewechselt werden. Eine erhebliche Schwächung des deutschen Rekordmeisters, der in der Nachspielzeit auf dramatische Weise ausschied. Kane spielte auch im anschließenden Bundesligaendspurt keine Minute mehr, die sicher geglaubte Vizemeisterschaft wurde ohne ihn auch noch vermasselt.
Natürlich hätte Harry Kane gegen Holstein Kiel bis zum Schlusspfiff durchspielen können, nicht unwahrscheinlich, dass er seine Leistung mit einem weiteren Hattrick gekrönt hätte. Aus Erfahrung aber auch nicht unwahrscheinlich, dass er bei den durchaus robust auftretenden Störchen aus Kiel noch eine Blessur hätte davon tragen können. Die SportBild hätte dann wohl getitelt: „Warum geht Kompany dieses unnötige Risiko bei Kane ein?“ Denn nicht erst seit dem Wechsel von Mathys Tel zu Tottenham Hotspur sollte klar sein, dass es beim FCB keine adäquate Alternative für den Engländer gibt.
Glücklicherweise hat man beim 38-jährigen Belgier nie das Gefühl, dass er sich durch Kritik, Spott und Häme von außen verunsichern oder verbiegen lässt. Eine Charaktereigenschaft, die ihn zum großen Erfolgstrainer machen könnte. In München hofft man, dass dies schon sehr bald geschehen möge.
