Kommentar von Petersgradmesser
Nach seinem folgenschweren Patzer gegen Leverkusen tauchen wieder Gerüchte über Manuel Neuers Zukunft auf. Was aber will der fünffache Welttorhüter selbst, welchen Ratschlag würde man ihm gerne geben.
Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll Kapitän Manuel Neuer offenbar auch in der kommenden Saison den FC Bayern aufs Spielfeld führen. Demnach gäbe es einen internen Beschluss beim deutschen Rekordmeister, den auslaufenden Vertrag des 38-jährigen Torhüters zu verlängern. Man möchte an der Säbener Straße die so eminent wichtige Torhüterposition nicht zur Baustelle machen.
Sehr brisanter SZ-Bericht
Die SZ beziffert dabei die vereinsinterne Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass der Weltmeister von 2014 selbst seine Karriere beendet, mit „weniger als 1 Prozent“. Vielmehr sei der Torhüter, der von vielen Fans als der beste der Fußballgeschichte gesehen wird, weiterhin topmotiviert, dem FC Bayern auch in der kommenden Saison auf seiner Position Stabilität zu verleihen.
FCB-Sportvorstand Max Eberl hat zudem derzeit andere Schwerpunkte. Neben den Vertragsverlängerungen von Joshua Kimmich, Jamal Musiala, Alphonso Davies und Leroy Sané genießt der Transfer von Florian Wirtz absolute Priorität. Wie die SZ weiter ausführt, müssen die Vereinsverantwortlichen penibel auf die Budgetvorgaben achten und so wollen sie folglich keine unnötigen Baustellen aufmachen, speziell auf der Torhüterposition.
Die heikelste Stelle des SZ-Berichts ist die Behauptung, dass sich Eberl & Co. dessen bewusst sind, dass Manuel Neuer nicht mehr zu den besten Torhütern der Welt zählt. Allerdings soll man davon überzeugt sein, dass er immer noch stark genug ist, um eine weitere Saison das FCB-Tor zu hüten. So sieht der Verein aktuell keinen Handlungsbedarf, kurzfristig einen Nachfolger zu suchen.
Bericht enthält viel Zündstoff und große Fragezeichen
Entsprechen diese Behauptungen der Realität, enthalten sie extrem viel Zündstoff. Man würde im Grunde genommen alle aktuell zur Verfügung stehenden Torhüter schwächen, schlecht reden, degradieren: Neuer nicht mehr auf seinem Toplevel, aber gerade noch gut genug. Und die in den Startlöchern stehenden Daniel Peretz (israelischer Nationalkeeper) und Alexander Nübel (DFB-Keeper) würden bei genauer Beleuchtung des SZ-Berichts nicht als adäquate Lösung für seine Nachfolge in Frage kommen. Beide sind interne Optionen und würden – Neuers bisher gewaltiges Jahressalär betrachtend – das Budget sogar ziemlich entlasten.
Der Beitrag beinhaltet große Fragezeichen, die entweder schwerwiegende strategische Gedankenfehler beim Rekordmeister aufdecken oder den tatsächlichen Wahrheitsgehalt des Behaupteten in Frage stellen. Wenn man bedenkt, dass Max Eberl, Christoph Freund und im Hintergrund Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge absolute Profis sind…
Was aber will Manuel Neuer tatsächlich selbst?
Gehört der fünfmalige Welttorhüter zu den Topsportlern, die einen rechtzeitigen Abgang kategorisch ausschließen? Tatsächlich wirkt er aktuell etwas verunsichert – auf dem Fußballplatz, möglicherweise auch außerhalb. Denn anders als die im Netz verbreiteten Versionen des „rücksichtslosen Rambos“ vertritt unter anderem der Weltmeister von 1974 auf seiner Position, Sepp Maier, eine andere fachlich bessere Erklärung zu Neuers Platzverweis gegen Leverkusen, welche die gesamten Diskussionen derzeit wieder aufbranden lässt.
Der 80-Jährige zu der Szene: „Er geht ins Risiko, wenn er herausstürmt, um zu retten. Das ist ja auch x-Mal gutgegangen – nun eben ein Mal nicht. Was er sich vorwerfen lassen sollte: Normalerweise steht er bei Angriffen des Gegners 20 bis 25 Meter weit vor seinem Tor, in dem Moment stand er einen Tick zu tief, zu weit hinten.“
Also: Nicht zu wild, zu rücksichtslos und schon gar nicht die vielfach genannte nahezu infame Behauptung des „absichtlichen Bodychecks“ – Neuer war eher zu zögerlich, für seine Verhältnisse zu sehr auf Sicherheit bedacht. Möglicherweise eine Spätfolge des Gegentors bei Aston Villa, als er weit vor seinem Tor stehend per Lob überwunden worden war. Dieses Szenario wäre dann tatsächlich fatal, weil es seine natürlichen Instinkte, Spielsituation fast ausschließlich richtig einzuschätzen, erheblich beeinträchtigen würde.
Will Neuer sich das alles noch antun?
Helden werden in unserer Gesellschaft extrem gefeiert. Wenn sie aber fallen, dann ist die Reaktion der ursprünglichen Claqueure noch extremer, schlichtweg gnadenlos. Manuel Neuer hat für seine vielen Fans „das Torwartspiel neu erfunden“, er ist der GOAT. Seine Fallhöhe ist dementsprechend gewaltig und zeigt er einmal eine ungewohnte Schwäche, wird jede seiner Aktionen mehr denn je auf weitere mögliche untersucht. Bei Gegentoren, die früher bei seiner erwiesenen Klasse automatisch als unhaltbar deklariert wurden, ist man sich mittlerweile nicht mehr sicher, ob er diese in seinen Glanzzeiten nicht doch gehalten hätte.
Der 38-Jährige ist längst nicht mehr unantastbar wie früher. Aber wie stark ist er mental, wie groß seine Leidensfähigkeit? Hält er fünfmal großartig bis Weltklasse, ist das mittlerweile schnell vergessen, wenn er nur einen scheinbaren Fehler macht, der das Spiel seiner Bayern negativ beeinflusst. Heute gegen Heidenheim fällt er wegen „Rippenbeschwerden“ aus, möglicherweise ist der GOAT aber mental noch stärker angeschlagen und der Verein gönnt ihm seine Auszeit.
Die Alternativen des FC Bayern – und die Gefahren
Weder die FCB-Verantwortlichen noch Neuer müssen eine rasche Entscheidung fällen, ob man noch einmal verlängern möchte. Die prächtige Entwicklung von Leihspieler Nübel zum Nationaltorwart beim VfB Stuttgart erscheint derzeit auch eine gute Zukunftslösung an der Säbener Straße zu sein. Ebenso hat der souveräne Auftritt von Peretz gegen Leverkusen erneut Hoffnungen genährt. So ist es keineswegs von Nachteil, dass er heute gegen Heidenheim eine weitere Bewährungschance bekommt.
An die großen Neuer-Kritiker im eigenen Fanlager, die ihn am liebsten sofort zum Teufel jagen würden, gerichtet: Der FC Bayern hat all seine großen internationalen Titel ausschließlich mit den drei ganz großen Torhütern der Vereinsgeschichte gewonnen: Sepp Maier (1964-79), Oliver Kahn (1994-2008) und Manuel Neuer (2011-?). Bei den beiden erstgenannten hatten es die direkten Nachfolger unglaublich schwer. Ein ähnliches Szenario könnte auch dem oder den Nachfolgern von Neuer blühen. Der Erfolgsdruck beim FC Bayern ist nicht zuletzt eine gewaltige mentale Herausforderung, selbst für einen GOAT …
Titelbild: Im BL-Spiel gegen den VfL Wolfsburg am 33. Spieltag lässt sich Manuel Neuer in der Schlussphase gegen Daniel Peretz auswechseln. Damals eine Belohnung für den sympathischen Israeli. Auch eine Zukunftsoption beim FCB?
