Nach dem 3:0 gegen Union Berlin grüßt der FC Bayern zum ersten Mal seit knapp zwei Jahren wieder als souveräner Bundesliga-Tabellenführer. Auch die Spielweise unter dem neuen Chefcoach Vincent Kompany ist entsprechend dominant.
Union-Sportchef Horst Heldt hat das wiedergekehrte unangenehme Gefühl der Ligakonkurrenten vor einem Duell mit dem deutschen Rekordmeister gestern wie folgt beschrieben: „Gegen Bayern spielen ist wie zum Zahnarzt gehen„. Und genau so traten die Eisernen aus Berlin-Köpenick als Tabellen-Vierter in München auf – ängstlich, sich auf das bislang funktionierende Abwehrbollwerk verlassend.
Dass Mannschaften mit einem eher defensiv ausgerichteten Spielsystem eine derartige Taktik gegen den FCB wählen, ist nichts Neues. Dass dies aber bei ihren Gastauftritten in der noch jungen Saison auch der Meister und Vizemeister der letzten Spielzeit taten, überrascht wesentlich mehr, zeugt aber auch vom riesigen Respekt, den mittlerweile selbst Leverkusen und Stuttgart vor Kompanys Bayern haben.
Bayer hat vor gut einem Monat in München ein mehr als schmeichelhaftes Unentschieden mitgenommen, Stuttgart (0:4) und Berlin (0:3) sind weniger glimpflich davongekommen. Die zweite Halbzeit gegen den VfB und gestern fast die gesamten 90 Minuten waren eine Machtdemonstration der Bayern. Der Auftritt gegen Union erinnerte frappierend an die übermächtigen Bayern unter Pep Guardiola: Komplette Spieldominanz, Ballbesitz im Bereich von nahezu 80 Prozent, unendlich lange Ballstafetten. Eine Qual für den gehetzten Gegner. Wie ein Zahnarztbesuch.
Auch wenn die Meinungen über Kompany und seinen Spielstil immer noch auseinander gehen und weitere Diskussionen nach jedem Rückschlag folgen werden: Das neue aggressive Pressing-System des 38-jährigen Belgiers findet große Zustimmung bei den Vereinsverantwortlichen und wird von seinen Spielern mit noch größerer Begeisterung praktiziert. Auch geraten mittlerweile selbst seine größten Skeptiker unter den Fans ins Wanken.
Bewundernswert an Kompany: Er scheint fähig zu sein, die Ruhe zu bewahren, wenn ihm medialer und Fan-Gegenwind heftig ins Gesicht bläst. Und das kann in München sehr schnell gehen: Zunächst war er vor seiner Präsentation als „Notnagel“ verlacht worden, dann wurde er sehr schnell mit seinem Lehrmeister Pep Guardiola verglichen. Nach der 1:4-Pleite in Barcelona wurden diese Vergleiche mit dem aktuellen ManCity-Coach jedoch postwendend mit heftigem Unverständnis kritisiert – und nur zehn Tagen, drei Siege und 12:0 Tore später sind die Parallelen wieder überdeutlich.
Was viele Kritiker dabei auch zu vergessen scheinen: Selbst unter Guardiola gab es deprimierende Klatschen für den FC Bayern, meist in den Champions League Halbfinalspielen. Es gibt zum Beispiel Parallelen zwischen dem 0:1 bei Atlético Madrid 2016 und der jüngsten Pleite in Birmingham bei Aston Villa trotz großer Überlegenheit. Und welcher FCB-Fan erinnert sich nicht mit Grausen an die 0:3-Niederlage 2015 im Camp Nou, die zuvor letzte gegen den FC Barcelona? Das neue Format macht solche Begegnungen nun schon viel früher in der CL-Saison möglich.
Apropos Champions League: Nicht wenige sehen den FCB-Einzug ins Achtelfinale gefährdet. Treten die Bayern gegen Benfica, PSG, Donezk (auf Schalke), bei Feyenoord und gegen Bratislava jedoch ähnlich souverän wie aktuell in der Bundesliga auf, ist ein finaler Sprung unter die ersten Acht der CL-Tabelle sehr wahrscheinlich.
Champions League: Achtelfinal-Einzug des FC Bayern in Gefahr? – FC Bayern Total
Pep Guardiola, Kompanys letzter Trainer bei ManCity, blieb in München bekanntermaßen unvollendet. Er hatte von Jupp Heynckes die nahezu unbesiegbaren Triple-Bayern übernommen, dominierte die Bundesliga nach Belieben, scheiterte aber dreimal im CL-Halbfinale. Ein Einzug in die Vorschlussrunde der Königsklasse wäre in der laufenden Saison für Bayern durchaus als Erfolg zu werten, wenn da nicht die große Sehnsucht nach dem Finale dahoam reloaded wäre. Und wer sagt eigentlich, dass der Lehrling nicht seinen Meister übertreffen kann?
Titelbild: Bayerischer Torjubel gegen Union.
