Fanbeitrag Petersgradmesser
Vincent Kompany ist offiziell seit einem Vierteljahr Chefcoach des FC Bayern. Seine ruhige souveräne Art und Weise begeistert, ebenso der neue – wieder dominante – aber auch riskante Spielstil mit einem aggressiven hohen Pressing, den er spielen lässt. Gestern gab es die erste Niederlage unter dem 38-jährigen Belgier – und schon setzt ein nicht zu überhörendes und zu übersehendes Bashing der eigenen Fans(!) ein. Gegen einzelne Spieler, aber auch Kompany – was für ein beschämender Wahnsinn bei einer Niederlage, die man durchaus als äußerst unglücklich, wenn nicht unverdient bezeichnen kann.
Der FC Bayern war gestern Abend bei der englischen Spitzenmannschaft Aston Villa mit 70% Ballbesitz nicht nur die dominante Mannschaft, sondern auch über weite Phasen des Spiels die bessere, eigentlich sogar klar bessere.
Wie Bayer Leverkusen am Samstagabend haben die Birminghamer mit ihrer einzig nennenswerten Chance im gesamten Spiel, dieses ergebnismäßig auf den Kopf gestellt. Eigentlich hatten beide Spitzenteams diese Chancen selbst gar nicht herausgespielt. Gegen Leverkusen war es ein schlampiger Rückpass des späteren FCB-Torschützen Aleksandar Pavlovic, der zu einer unnötigen Ecke führte, gegen Villa war es dem aggressiven Spielansatz des FCB zu verdanken.
Vergleicht man die Anzahl der (klaren) Tormöglichkeiten, hätte der deutsche Rekordmeister beide Spiele mehr oder weniger deutlich für sich entscheiden können, wenn nicht müssen. An dieser mangelhaften Effektivität – auch Ergebniskrise genannt – kann man durchaus Kritik üben. Es gibt aber keine Mannschaft der Welt, welcher dieses Schicksal nicht hin und wieder droht.
Warum muss man aber als Fan des deutschen Rekordmeisters – speziell in den sozialen Netzwerken – immer sofort derart massiv gegen den eigenen Verein und seine Protagonisten wettern?
Dass der zuletzt überragende Jamal Musiala erst zur Halbzeit eingewechselt wurde, mag zunächst überraschend gewesen sein. Kompany hat es aber plausibel damit erklärt, dass der 21-Jährige nach dem harten Leverkusenspiel müde gewesen sei.
Wenn das Bayernspiel funktioniert, sollte Pavlovic am besten jede einzelne Minute spielen. Wenn nicht, wird sofort ein Joao Palhinha – der gestern übrigens beim Stand von 0:0 für ihn kam – gefordert.
Wie oben schon erwähnt: Der Spielansatz der Kompany-Bayern, welcher zuletzt so begeistert hat, auch gegen Leverkusen, ist riskant. Man kann dabei nur mit sehr schnellen Innenverteidigern – wie es Dayot Upamecano und Minjae Kim sind – agieren. Aber auch für diese ist diese Art der Vorwärtsverteidigung eine große Herausforderung. Wenn jetzt gestern schon wieder die Ablösung von Upa, die Einwechslung von Eric Dier und eine Rückholaktion von Matthijs de Ligt gefordert wurde, dann kann man leider nur komplette Ahnungslosigkeit unterstellen. Beide sind für den Kompany-Fußball viel viel zu langsam und völlig ungeeignet. Ergebnismäßig würde ein Debakel drohen.
Zu den gestern permanent beschimpften Spielern zählte auch Serge Gnabry, den nicht wenige FCB-Fans schon zur Halbzeit – als Chancentod mit Schimpf und Schande -ausgewechselt hätten. Und natürlich Manuel Neuer, dem sein riskantes Spiel zum Verhängnis wurde – paradoxerweise genau deswegen, weil er einmal zu sehr gezögert hat. Zuerst wollte er außerhalb des Strafraums klären, was aber sicherlich keine gute Idee gewesen wäre. Aber genau die verlorenen Sekundenbruchteile beim Zögern ließen ihn beim Zurücklaufen chancenlos sein.
Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass das Tor von Jhon Durán ein Sonntagsschuss am Mittwochabend war. Eher im Gegenteil: Hätte sich Neuer nicht auf das Zurücklaufen und den Ball gleichermaßen konzentriert, sondern wäre er stehen geblieben, hätte er den Schuss wahrscheinlich sogar mühelos halten können. Dieser war eigentlich zu niedrig angesetzt.
Besonders bitter, dass auf der anderen Seite der argentinische Weltmeister-Torwart Emiliano Martínez einen Sahnetag erwischt hat und einige überragende Paraden zeigte. Der wohl größte Prolet im Weltfußball auf dieser Position ist leider gleichzeitig absolute Weltklasse.
Die Leistungen der Truppe von Kompany sowohl gegen Leverkusen als auch gestern in der Champions League haben absolut gestimmt, die Ergebnisse leider überhaupt nicht. Als wahrer Bayernfan sollte man hoffen, dass dies am Sonntagabend schon wieder beim BL-Zweiten in Frankfurt funktionieren wird. Bei so manchem Anhänger hat man leider aber eher das Gefühl, dass man sich lieber an Negativerlebnissen … äh .. aufgeilt.

Super, perfekt geschrieben
Dankeschön.
Danke für diesen Beitrag. Stimmt von vorne bis hinten.
Dem kann ich mich nur anschließen.