Manuel Neuer ist am Mittwochnachmittag nach 14 Jahren aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Der langjährige DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke erklärt im Interview mit SPORT1 unter anderem die Hintergründe von Neuers Entscheidung. Die interessantesten Aussagen des Neuer-Insiders, der den fünfmaligen Welttorhüter von 2010 bis 2021 trainierte und 2014 zusammen mit ihm in Brasilien Weltmeister wurde auf FC Bayern Total.
Zur Rücktrittsentscheidung Neuer:
„… Es ist ein bisschen eine Vernunftsentscheidung. Bei der nächsten WM 2026 ist er 40, und er ist jetzt Vater geworden. Es macht Sinn, sich auf Bayern zu konzentrieren, in den Länderspielpausen zu regenerieren und noch gezielter zu trainieren. Das war der Hintergedanke von Manu. Ich ziehe meinen Hut davor, weil es doch schwer ist. Denn er ist ja noch in richtig guter Form, wie man zuletzt bei der EM gesehen hat. Ich freue mich für Manu, dass er diese Entscheidung getroffen hat. Länderspiele ohne ihn werden sich komisch anfühlen. Manu ist mit sich im Reinen.“
Köpke auf die Frage, ob der Zeitpunkt des Rücktritt überraschend für ihn überraschend kam:
„Nicht unbedingt. Jetzt stehen wieder Länderspiele an, und daher musste eine Entscheidung getroffen werden. Auch fairerweise gegenüber Marc-André ter Stegen. Er stand so lange hinten dran. Jetzt bekommt er endlich seine Chance. Nein, Manus Entscheidung kam nicht überraschend.“
Der Europameister von 1996, ob Neuers Rücktritt nicht zu spät kam:
„Nein, das glaube ich nicht. Bei der EM hat Manu sehr gut gehalten. Die Verletzung, die er hatte und von der er sich wieder rankämpfen musste, kostete ihn auch Kraft. Er hat trotzdem eine gute Saison gespielt. Klar, gegen Real Madrid war das ein entscheidender Fehler. Aber er schaffte es, nach der schweren Verletzung wieder zurückzukommen, was nicht viele schaffen.“
Köpke, selbst Weltklassekeeper, der zum Beispiel 1998 Olivers Kahns (damals immerhin schon 29 Jahre alt!) erste WM-Einsätze im deutschen Trikot verhinderte, zu Rummenigges Statement: „Aus meiner Sicht ist Neuer der größte Torhüter, den der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Er hat das Torwartspiel verändert und auf ein neues Niveau gehoben, er hat Maßstäbe gesetzt und dafür gesorgt, dass Torhüter auf der ganzen Welt seinem Stil nacheifern.“
„…im Grundsatz stimmt es. Manu hat das Torwartspiel verändert und war der elfte Feldspieler. Bei rund 100 Länderspielen, die Manu gemacht hat, war ich ja immer dabei. Es kamen nur wenige hinzu. Ich weiß, wie er tickt, wie er denkt und wie er sich auf Spiele vorbereitet. Man muss nur an das Länderspiel 2014 gegen Algerien denken. Das war der Wahnsinn. Da hat uns Manu im Turnier gehalten. Das war schon fantastisch. Viele Torhüter haben Manu nachgeeifert, und das Torwartspiel hat sich durch ihn wirklich verändert. Die Spielweise ist eine andere geworden. Heutzutage muss jeder Torwart Fußball spielen können, beidfüßig sein und eine gewisse Sicherheit haben. Manu hat alles vorgelebt.“
Der langjährige FCN-Keeper auf die Frage, ob Neuer die Gesamtentwicklung bei den jungen Torhütern etwas verzögert hat:
„Ganz klar nein. Manu hat nichts blockiert. Wenn andere besser gewesen wären, hätten sie gespielt oder wären dabei gewesen. Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Auf Manu lasse ich nichts kommen. Die Karriere, die er hingelegt hat, ist sensationell. 2010 haben wir ihn bei der WM ins Tor gestellt, und seitdem war er immer dabei und wurde 2014 Weltmeister. Das Einzige, was wir beide nicht geschafft haben, war, noch mal zusammen Europameister zu werden – ich als Torwarttrainer und Manu als Spieler. Man kann nicht alles haben. Aber ich sehe nicht, dass er die Entwicklung verzögert hat. Die richtige Entwicklung findet im Verein statt. Und wenn da jemand besser ist, dann ist er bei der Nationalmannschaft dabei. Ich denke, für viele war es eher ein Ansporn, noch mal Gas zu geben und Manu nachzueifern.“
Köpkes „besonderer Neuer-Moment„:
„Der Moment, als wir zusammen den WM-Pokal in Brasilien in den Himmel gehoben haben. Und als wir nach dem Algerien-Spiel nebeneinander in der Kabine saßen und uns über das Weiterkommen gefreut haben. Die ganze WM war ein Märchen. Bis eine Woche vor unserem ersten Spiel in Brasilien hat Manu – aufgrund seiner Schulterverletzung die er sich im Pokalfinale zugezogen hatte – nicht einmal mit mir Torwarttraining gemacht. Wir waren immer in enger Absprache mit Dr. Müller-Wohlfahrt. Und das macht einen noch stolzer, dass wir Manu so hinbekommen haben, dass er dann beim ersten Spiel im Tor stehen konnte. Auch Joachim Löw hat alles immer mitgetragen. Es gibt nicht diesen einen Manu-Moment. Wir hatten so viele tolle Erlebnisse – danke, Manu!“
Tolles Interview, tolle Einblicke eines wahren Manuel-Neuer-Insiders. Der 59-fache deutsche Nationalspieler Köpke kennt übrigens selbst bestens die Neuer- und ter-Stegen-Situationen. Bei der WM 1994 war er – 32-jährig – für viele der bessere Keeper als der fünf Jahre jüngere 1990-Weltmeister Bodo Illgner, der nach dem Viertelfinal-Ausscheiden aus der N11 zurücktrat. Zwei Jahre später wurde er mit Deutschland Europameister, Oliver Kahn hatte da längst schon Ambitionen, ihn abzulösen.
