Das Phänomen Matthijs de Ligt – warum die FCB-Fans wegen ihm Amok laufen

Kommentar von Petersgradmesser

Nachdem es schon während der gesamten letzten Saison noch unter Trainer Thomas Tuchel FCB-Abschiedsgerüchte um Matthijs de Ligt gegeben hat, sollte seit gut zwei Monaten Gewissheit bestehen, dass der Niederländer den deutschen Rekordmeister in diesem Sommer tatsächlich verlassen wird. Er selbst ist sich längst mit Manchester United einig, die Vereine feilschen noch um die Ablösesumme. Zahlreiche Bayern-Anhänger wollen diesen Transfer jedoch nicht akzeptieren, beleidigen deswegen die Vereinsverantwortlichen sowie Innenverteidiger-Teamkollegen und mit Jonathan Tah auch schon einen Ersatzkandidaten – teilweise leider auch weit unter der Gürtellinie. Ich bin seit vielen Jahrzehnten FCB-Fan und kann mich nicht an ein ähnliches hyper-emotionales Szenario erinnern. Dabei handelt es bei de Ligt nicht einmal um einen der vielen großen FCB-Stars der vergangenen 50, 60 Jahre.

Auch ich habe mich im Sommer 2022 über den vermeintlichen Coup von Hasan Salihamidzic & Co gefreut, als der bei Ajax ausgebildete damals knapp 23-jährige Nationalspieler für satte 67 Millionen Euro von Juventus verpflichtet worden war. Brazzo hatte damals stolz verkündet, dass man sich gegen viele Konkurrenten durchgesetzt hätte und Matthijs von seiner Kindheit als junger Fan im Bayerntrikot berichtet. Bayernherz, was willst du mehr!

Heute weiß man über das damalige Szenario mehr: Der deutsche Rekordmeister hatte sich sehr schnell gegen Manchester United & Co durchgesetzt, weil man als einziger Klub sehr rasch bereit war, eine derartige Ablösesumme zu bezahlen. Eine zu hohe. Denn bereits in den drei Jahren bei Juventus Turin hatte de Ligt – auch durch häufigere Verletzungen bedingt – einen Karriereknick erlitten.

Nach der überragenden Saison 2018/19 mit dem jungen Team von Ajax Amsterdam, welches er bereits als 18-Jähriger als Kapitän angeführt hatte, war de Ligts Start in der Serie A sehr schleppend: Rasch unterliefen ihm ein Eigentor sowie mehrere Handspiele, die zu Strafstößen führten.

Während de Ligt als Ajax-Spieler noch im Teenager-Alter Stammspieler der Elftal war, konnte er diesen Status in den fünf Jahren bei Juve und dem FCB nie wieder erreichen. Eigentlich unglaublich! Am Ende seiner ersten Saison in Turin gewann die Alte Dame zum neunten Mal in Folge den Scudetto, scheiterte aber in der Champions League schon im Achtelfinale an Olympique Lyon, dem späteren Halbfinalgegner des FC Bayern.

In seinem zweiten Jahr bei Juventus riss diese Meisterschaftsserie – eine Parallele zur vergangenen Saison in München – und auch sein drittes Jahr in Italien endete sportlich titellos und ernüchternd. Die Verantwortlichen von Juve waren wohl anschließend sogar heilfroh, den kostspieligen Spieler, der als Riesenhoffnung für die Zukunft gekommen war, für super teures Geld an den FC Bayern abgegeben zu haben.

Auch in München war sein Start nicht einfach: Nicht völlig fit musste er zunächst akzeptieren, dass ein bockstark aufspielendes Duo Lucas Hérnandez / Dayot Upamecano die erste Wahl für Nagelsmanns Innenverteidigung waren. Erst eine Verletzung des französischen Weltmeisters von 2018 bescherte Matthijs einen Stammplatz in der Innenverteidigung.

Für die Niederlande unter Louis van Gaal spielte er aber weiterhin – auch bei der WM 2022 in Katar – keine Rolle mehr. Dies hatte nicht zuletzt Gründe im Spielsystem der Elftal. Gründe, die in München vor allem bei den FCB-Fans bis dahin wenig Aufmerksamkeit bekommen hatten. In der Rückrunde der Saison 2022/23 war Matthijs einer der wenigen stabilen Bayernspieler. Für viele Spieler war die Weltmeisterschaft ein traumatisches Erlebnis, welches zu einem brutalen Leistungseinbruch nach einer tollen Hinrunde vor dem Turnier führte. Der Holländer war davon glücklicherweise nicht betroffen.

In der Hinrunde der Saison 2023/24 fehlte de Ligt dagegen sehr häufig verletzungsbedingt, bereits in der Vorbereitung war er durch eine Wadenverletzung noch vom Ende der Vorsaison behindert. Erst als Upamecano und Minjae Kim in der Rückrunde verletzt oder wegen eines Kontinentalturniers (Minjae) fehlten, deren Leistungen einen kompletten Knick bekamen, wurde de Ligt wieder – meist zusammen mit Eric Dier – unumstrittener FCB-Stammspieler. Die Saison endete zum ersten Mal nach zwölf Jahren für den Rekordmeister titellos. Es herrschte totale Ernüchterung – übrigens ein ganz ähnliches Szenario wie nach seiner zweiten Saison in Turin.

Sehr vieles hat in der vergangenen Saison nicht beim FC Bayern gestimmt. Als Folge müssen nun größere Veränderungen in Angriff genommen werden. Wie hat Thomas Müller kürzlich dazu gesagt: „Jeder Stein muss umgewälzt werden.“ Und einer dieser Steine ist auch der bald 25-jährige Niederländer.

War es Zufall, dass gerade de Ligt sowohl ein Teil der Juve-Mannschaft als auch der FCB-Mannschaft war, dessen jahrelangen Titelserien rissen? Möglich. Vielleicht aber auch nicht.

Über viele Jahre hatten die Bayern sehr spielstarke schnelle Innenverteidiger: David Alaba und Jerome Boateng haben eine Ära geprägt. Am nächsten kommt deren Spielstil noch – der bislang leider häufig fehleranfällige – Upamecano. De Ligt ist davon weit entfernt. Er wirkt wie ein Felsen in der Brandung, ist aber doch auch vergleichsweise behäbig in seinen Bewegungen und im Spielaufbau wenig flexibel und ideenreich. Sicherheitspässe sind kein FCB-Niveau.

All das haben nach den Herren Nagelsmann, Tuchel, van Gaal und Koeman nun wohl auch Vincent Kompany, Max Eberl & Co so analysiert und daraus die Konsequenzen gezogen. Auch durch den Beschluss des FCB-Aufsichtsrats mit Hoeneß & Co bestärkt, Gehaltskosten einzusparen. Das Gehalt von de Ligt wurde dabei als zu hoch eingestuft.

In Fan-Umfragen bekommen Eberl und Kompany nahezu Bestwerte. Werden sie jedoch mit dem Abgang von MdL in Verbindung gebracht, werden sie wüst beschimpft. Was für ein – unberechtigter – Ausbruch an Emotionen!

Wenn die de-Ligt-Fans Argumente für ihren Liebling suchen, werden schnell die anderen (potenziellen) FCB-Spieler heftig abgewertet: Upa, Minjae, Hiroki Ito, Jonathan Tah. Einzig Eric Dier wird nicht negativ erwähnt, dessen Spielstil ähnelt aber auch in vielerlei Hinsicht dem von de Ligt … Auch der Engländer wird es jedoch schwer haben in der neuen Saison, an ausreichend Spielminuten zu kommen.

Es ist wirklich sehr sehr kompliziert, das Phänomen Matthijs de Ligt zu begreifen und zu erklären, wenn es um seine extreme Popularität geht. OK, er ist sympathisch, ein Kämpfertyp, manche nennen das Mentalitätsmonster, sieht gut aus, blond, groß, stämmig. Er wäre auch das Idealbild des Deutschen in den dunkelsten Zeiten unserer Geschichte gewesen. Dem entsprechen – bis auf Dier – all die anderen FCB-Innenverteidiger – sicherlich nicht…. Nein nein nein – Alaba und Boateng waren auch andere Typen. Bitter: Ich kann dieses Phänomen nicht erklären, begreifen.

Es geht um Fußball – und Fans sollten das beste für den eigenen Verein im Auge behalten. Ich finde hier leider überhaupt keinen Ansatz!

PS: Ich mag Matthijs de Ligt, aber auch Upa & Co, Eberl, Freund, Kompany, meinen Verein – und wünsche mir eine grandiose FCB-Saison 2024/25!

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

11 Kommentare zu „Das Phänomen Matthijs de Ligt – warum die FCB-Fans wegen ihm Amok laufen

  1. Ich bin ein Fan von de Ligt und bedaure es das er geht, aber deshalb muss man keine verantwortliche des Vereins oder Abwehrkollegen von de Ligt beleidigen oder eventuell bedrohen, das geht garnicht. Ich hoffe es rächt sich irgendwann noch das er gehen musste.

      1. Da habe ich keine Bedenken. Denn gemessen an seinem 67Mio-Paket war er dann doch eher ein Fehleinkauf. Das kommt im Beitrag doch eigentlich bestens rüber …

        So ist es auch kein Wunder, dass ManUnited nicht mehr als 30 Mio bezahlen möchte …

        Brazzo wurde für den Transfer (auch von mir) gefeiert, aber eigentlich war es ein Katastrophendeal.

  2. Der Gedanken, dass MdL wegen seiner herausragenden „körperlichen Attribute“ (wie in dunkelsten deutschen Zeiten) so über alle Logik hinaus populär ist, ist mir auch schon gekommen.

    Aber das will man überhaupt nicht denken …

  3. Sorry, absoluter Quatsch der Artikel. Manchmal ist ein Sympatieträger mehr wert als ein perfekter Pass aus der Abwehr. Das Problem an De Ligt festzumachen ist viel, viel zu einfach. In der zentrale mangelt im Moment schlicht und einfach an der Qualität. Boateng konnte tu Thiago oder Schweinsteiger spielen, das sollte egtl schon zeigen von welchem Unterschied wir sprechen

    1. Was ist das denn für ein Blödsinn!
      Ein Fan(!!!!)-Sympathieträger soll wichtiger sein als ein erstklassiger Spieler?! Selten – ich verwende deinen Ausdruck – so einen Quatsch gelesen!
      Und der FCB-Kader hat eigentlich auch in allen Mannschaftsteilen höchste Qualität! Zudem erscheint es wenig logisch, dass ein Pass auf einen angeblich weniger starken Spieler komplizierter sein soll.
      Der Vergleich lautet auch derzeit nicht Boateng oder Alaba mit MdL, sondern z.B. Upa mit MdL .. und da ist das Passspiel von Upa einfach wesentlich besser.
      Typisch für die aktuellen FCB-Fans: Den Kommentar mit einer Beleidigung starten und dann selbst abstruse Behauptungen bringen …

    2. Etwas als Quatsch zu bezeichnen, wenn man in der eigenen Argumentation den Sachinhalt verfälscht, ist ….

      Niemand hat das (Gesamt-)Problem (allein) an de Ligt festgemacht. Es ist aber dennoch auffällig, dass er – der „Held“ so vieler FCB-Fans – als die bezeichnete Führungsperson nichts, aber auch gar nichts gegen die Krise ausrichten konnte.

      Warum gehst du nicht darauf ein, dass sich MdL seit nunmehr über 5 Jahren nicht mehr weiterentwickelt hat? Im Verein und noch viel mehr in der N11? Deine Erklärung dafür?

    3. @ Be Ma: Leider wieder so ein typischer „Internet-Rambo“. Zuerst einen seriösen Beitrag beleidigen und wenn es in die Diskussion geht kommt nichts, gar nichts mehr … was ist los mit euch?

  4. Ich kann den Transfer auch durchaus nicht nachvollziehen.
    Ja, De Ligt wurde zu teuer gekauft.
    Aber er war stabil.
    Er hat selten große Böcke geschossen.
    Upamecano hingegen ist an guten Tagen einer der besten Verteidiger weltweit.
    An schlechten Tagen verliert man aufgrund seiner massiven Böcke das Spiel.
    Vorzugsweise in K.O. Spielen
    Warum Upamecano dennoch so hoch gelobt wird, verstehe ich nicht. Erst Recht nicht, warum man Upamecano De Ligt vorziehen sollte.
    Ich habe lieber einen konstanten Verteidiger, als einen, der Weltklasse sein kann, aber genauso schnell für Niederlagen sorgt.
    Ein einzelner (auch gravierender) Fehler kann immer passieren.
    Aber bei Upamecano gab es einige davon. Ich habe jedes mal Sorge, wenn er in einem K.O. Spiel auf dem Platz steht.
    De Ligt und Dier waren für mich die stabilste Innenverteidigung, die wir letzte Saison hatten.
    Bei Kim hoffe ich, dass er sich noch fängt und stabil wird.
    Über die Stanisic Rückkehr freue ich mich.

    Was die Gehälter angeht war De Ligt auch zu hoch, das stimmt. Hier Punktet Tah im Vergleich dazu.
    Aber ebenfalls zu hoch sind die Gehälter von Kim, Upamecano, Kimmich, Goretzka, Sane, Gnabry, Coman etc.
    D.h. dieses Argument gilt nur im Vergleich zu Tah, nicht im Vergleich zu Upa oder Kim.
    Im übrigen spricht noch etwas gegen Tah: Wir haben bereits mit Ito, Kim, Upa, Stanisic und Dier 5 Potentielle Innenverteidiger.

    PS: Der einzige „unterbezahlte“ den ich sehe ist Musiala.

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