Die spanische Nationalmannschaft hat zwar mit ihren Leistungen den Titel bei der EURO 2024 in Deutschland absolut verdient, sich aber mit ihren Äußerungen und Provokationen außerhalb des Rasens in Fußball-Deutschland sehr wenige Freunde gemacht. Auf unverständliche Weise setzte sich das nun auf der Siegesfeier in Madrid fort. Im Mittelpunkt der Provokationen: Jamal Musiala.
Die spanische Nationalmannschaft feierte gestern in Madrid mit ihren Fans den am Sonntag im Finale gegen England (2:1) gewonnenen EM-Titel. Während der Mannschaftsvorstellung auf der Bühne richtete sich Álvaro Morata plötzlich an FCB-Nationalspieler Jamal Musiala.
Der spanische Kapitän stellte seinen Teamkollegen Dani Carvajal vor und bezeichnete ihn unter anderem durchaus korrekterweise als „Pitbull“. Dann rief er plötzlich: „Wo ist Musiala? Wo ist er?“
Daraufhin rief Morata den Rechtsverteidiger von Real Madrid auf die Bühne, der sich seines T-Shirts entledigte und oberkörperfrei seine Teamkollegen umarmte. Danach schlug Carvajal sich auf die Brust und peitschte die jubelnde Menge noch einmal zusätzlich an. Nun ja …
Mit seiner seltsamen Provokation spielte Morata auf die höchst unfaire Wrestling-Attacke von Carvajal gegen Musiala zum Ende des dramatischen Viertelfinales an. Bereits in der Nachspielzeit der Verlängerung ging der 21-Jährige FCB-Spieler an der linken Außenlinie Mitte der spanischen Hälfte spielend leicht am wesentlich langsameren Carvajal vorbei, hätte ziemlich freie Bahn gehabt, wenn er nicht vom 32-Jährigen äußerst unsanft zu Boden gerissen worden wäre.
Carvajal ging dabei – den sonderbaren UEFA-Regeln sei Dank – ebenso unfair wie taktisch geschickt vor: Aufgrund seiner zuvor erhaltenen zweiten gelben Karte im Turnierverlauf wäre er für das Halbfinale sowieso gesperrt gewesen. Die Ampelkarte hatte folglich überhaupt keine Folgen für ihn.
Der anschließende deutsche Freistoß verpuffte und Spanien stand – auch dank dieser unfairen Aktion von Carvajal – im Halbfinale gegen Frankreich. Dieser durfte im Finale jedoch bereits wieder spielen. Dabei stellt sich durchaus die Frage, warum Carvajal nicht auch für dieses gesperrt wurde: Spielsperre für die zweite Verwarnung, weitere Spielsperre für den Platzverweis. Zumal die Aktion alleine schon rotwürdig war.
Spanien – tolle Mannschaft, viel Referee-Unterstützung: nach dem Finale beschwerte sich England über eine radikal gekürzte Nachspielzeit, unwürdige Manieren und Aktionen.
Update 16. Juli 2024, 10:45:
Und die „wilde Party“ eskalierte noch weiter:
Denn die völlig unnötige Stichelei gegen Musiala war nicht der einzige peinliche Vorfall während der spanischen Titelfeier in Madrid. Als Rodri von ManCity das Mikrofon ergriff, stimmte er einen nationalistischen Gesang an: „Gibraltar ist spanisch“, sang er mit der Stimme eines Volltrunkenen.
Gibraltar ist seit dem frühen 18. Jahrhundert ein britisches Überseegebiet, auf das Spanien mehrmals erfolglos Anspruch erhoben hat. Die Bewohner haben sich auch in zwei Referenden klar gegen eine Aufnahme in das spanische Königreich ausgesprochen. Im Fußball gilt Gibraltar als eigenständiges UEFA-Mitglied, das aus politischen Gründen nicht in einer Gruppe mit Spanien gelost werden darf.
Rodris Gesang bei der Titelfeier am Montag dürfte als Provokation gegen den Finalgegner England interpretiert werden. „Du spielst in England, Kumpel“, sagte Morata zu Rodri nach dessen irritierendem Auftritt. „Das ist mir egal“, antwortete der Profi von Manchester City. Ob die UEFA das auch so sieht, bleibt abzuwarten. Während der EM hatte der Kontinentalverband mehrere Strafen wegen nationalistischer Vorfälle verhängt.
Je mehr Bilder man von den Feierlichkeiten sieht, umso mehr muss man mit dem Kopf schütteln: Ob ein Haufen Betrunkener, die sich wie die letzten Proleten benehmen, ein würdiger Europameister ist und so etwas wie eine Vorbildfunktion einnimmt? Nur eine rhetorische Frage …
Update 16. Juli 2024, 15:00:
Drohen den Spaniern nun tatsächlich ernsthafte Konsequenzen?
Der Verband von Gibraltar beschwerte sich mittlerweile bei der UEFA über „inakzeptable Gesänge, die sich auf Gibraltar beziehen und von den Spielern der spanischen Nationalmannschaft gesungen wurden. Der Fußball hat keinen Platz für ein solches Verhalten„.
Update 23. Juli 2024:
Die aus dem Ruder gelaufene Siegesparty der spanischen Europameister hat für zwei Profis tatsächlich ein Nachspiel. Wegen der Vorfälle bei den Feierlichkeiten in Madrid hat die Europäische Fußball-Union (UEFA) gegen Rodri und Kapitän Alvaro Morata eine Untersuchung gemäß Artikel 55 ihres Reglements eingeleitet. Die Ethik- und Disziplinarkommission werde zu gegebener Zeit über die Angelegenheit entscheiden, teilte die UEFA heute mit.
Den beiden Stars wird ein Verstoß gegen die Grundregeln des anständigen Verhaltens vorgeworfen. Zudem sollen Rodri und Morata die Veranstaltung für nicht-sportliche Äußerungen missbraucht sowie den Fußball und insbesondere die UEFA verunglimpft haben.
Nach der Präsentation des EM-Pokals in der spanischen Hauptstadt am 15. Juli hatte es Kritik gegeben. Der Fußballverband von Gibraltar kritisierte die „extrem provokative und beleidigende Art der Feierlichkeiten rund um den Gewinn der Europameisterschaft„. Dabei ging es um „inakzeptable Gesänge, die sich auf Gibraltar beziehen und von den Spielern der spanischen Nationalmannschaft gesungen wurden. Der Fußball hat keinen Platz für ein solches Verhalten„, hieß es in der Mitteilung des Verbandes.
Update 7. August 2024:
Glimpflich davon gekommen:
Die beiden spanischen Europameister Rodri und Alvaro Morata sind von der UEFA nur jeweils für ein Spiel gesperrt worden.
Damit muss Spanien im ersten Spiel der Nations League 2024/25 auf Rodri und Morata verzichten. Der Europameister tritt am 5. September zum Auftakt in der Gruppe A4 in Serbien an.
