Warum man als FCB- und Matthijs de Ligt-Fan dennoch einen Abgang nachvollziehen kann

Kommentar von Petersgradmesser

Shitstorm vorprogrammiert. Aber ich versuche es dennoch.

Derzeit sind Unverständnis, Entsetzen und Wut bei den meisten FCB-Anhängern riesengroß, wenn wieder neue Medienberichte über einen möglichen bis nun wohl sogar wahrscheinlichen Abgang des niederländischen FCB-Innenverteidigers Matthijs de Ligt auftauchen. Der 24-Jährige ist ein erklärter Liebling der Fans des Rekordmeisters, sympathisch, gut aussehend, auf dem Platz eine Kämpfernatur, tolle Mentalität. In der so chaotischen Rückrunde 2023/24 wohl der stabilste FCB-Defensivspieler. Dennoch gibt es Argumente für einen Abschied.

Die Bayern-Verantwortlichen haben sich bislang nicht öffentlich zur Causa de Ligt geäußert. Aber spätestens seit seiner PK bei der niederländischen Nationalmannschaft kurz vor der EURO 2024 erscheint ein Abgang tatsächlich möglich. Die Journalistenfrage nach seiner Zukunft beim FCB ließ Matthijs mehr oder weniger unbeantwortet und verschob eine entsprechende Antwort auf die Zeit nach dem Turnier. Ein Dementi aller Gerüchte und Spekulationen wäre seinerseits sehr simpel gewesen.

Die Medien spekulieren nun umso heftiger über seinen Abschied Richtung Manchester United. Dort träfe er auf Erik ten Haag, seinen Förderer bei Ajax Amsterdam. Insbesondere durch die (angeblichen) Forderungen des mächtigen Aufsichtsrats des Vereins nach größeren Gehaltsreduzierungen der FCB-Profis soll er zu einem potenziellen Abgänger von der Säbener Straße geworden sein. Möglich, dass dieses Argument noch ergänzend dazu kommt, aber es wird nicht das wichtigste sein.

2022 war Matthijs für 67 Millionen Euro von Juventus Turin an die Säbener Straße gekommen. Der Transfer wurde von Medien und Fans ebenso ausgiebig wie einheitlich gefeiert. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Und er wurde ihnen in seiner ersten FCB-Saison größtenteils auch gerecht. Nicht ganz fehlerfrei war er dennoch eine Kante im FCB-Abwehrverbund. Man erinnert sich gerne an seine grandiose Rettungstat im CL-Achtelfinale nach Sommer-Fehler gegen PSG (Titelbild). Sein fulminantes Weitschusstor in Freiburg. Dass er auch einige Elfmeter verursachte, die dem FCB Punkte und in der Endabrechnung fast die Meisterschaft 2023 kosteten – z.B. gegen den VfB in letzter Spielminute – wurde ihm im Gegensatz zu seinem Mannschaftskollegen Dayot Upamecano immer großzügig verziehen.

Nach der chaotischen Saison 2022/23 mit Last-Minute-Meisterschaft wurde er bei FC Bayern Total dennoch absolut verdient zum Spieler der Saison gewählt:

Direkt nach der Vereinssaison verletzte er sich aber im Juni 2023 bei der niederländischen Nationalmannschaft an der Wade schwerwiegend – in den kommenden sechs Monaten sollten noch viele weitere Blessuren dazu kommen.

Von den Fans kritisiert, aus Trainersicht aber absolut nachvollziehbar, setzte Thomas Tuchel folglich bei seiner Startformation fast ausschließlich auf Upamecano und Minjae Kim. Schon zum damaligen Zeitpunkt kamen immer wieder Wechselgerüchte um Matthijs auf. Diese wurden zunächst verworfen, dann vergessen, denn in der Rückrunde waren de Ligt und Winterzugang Eric Dier das IV-Paar beim FC Bayern. Insgesamt stabil, weniger fehleranfällig als Upa und Minjae, aber auch Teil des FCB-Teams, welches seit vielen vielen Jahren die schwächste Halbserie des Rekordmeisters spielte.

Matthijs machte dabei seine Sache grundsolide, aber gewiss nicht so brillant wie man es von einem 67-Mio-Euro-Abwehrchef erwarten könnte. Sehr gute Zweikampfwerte, gute Passquote. ABER: Immer wenn es einmal ganz schnell wurde (hinten) oder werden sollte (vorne), war Matthijs ziemlich überfordert. Seine Kollegen Upamecano und Minjae haben eine wesentlich größere (Grund-)Geschwindigkeit. In einem Laufduell mit Erling Haaland hätte Matthijs beispielsweise überhaupt keine Chance. Deswegen fallen solch anspruchsvolle Aufgaben dann übrigens auch seinen Kollegen zu.

Im Spielaufbau ist der 24-Jährige sicherlich nur mittelmäßig. Meist Sicherheitspässe ohne jegliches Tempo. Da bringt es wenig, wenn seine Passquote ausgezeichnet ist bzw. fast zwangsläufig sein muss. Exzellente Schnittstellenpässe wie vor allem vom viel gescholtenen französischen Vizeweltmeister Upamecano sieht man von de Ligt definitiv nicht. Das ist grundsätzlich zu wenig für die hohen Ambitionen des FC Bayern. Da hatten früher Jerome Boateng und David Alaba, aber jetzt auch Upa ein ganz anderes Level.

Für dieses Szenario gab es in der abgelaufenen Saison ein ausgezeichnetes Beispiel: Am 13. April 2024 im Heimspiel gegen den späteren Absteiger 1. FC Köln mühte sich der FCB über eine Stunde entsetzlich, der Spielaufbau von hinten mit de Ligt und Dier war sehr zäh und viel zu langsam. Eine knappe halbe Stunde vor Spielende kam dann beim Stand von 0:0 Upa für Matthijs. Gleich kam Tempo ins Aufbauspiel, das 1:0 (durch Guerreiro) fiel unmittelbar, man gewann 2:0.

ABER (und das ist so typisch für die Situation): Der französische Nationalspieler leistete sich kurz vor Schluss beim Stand von 1:0 einen fürchterlichen Bock, der fast zum Ausgleich führte. Dass er vorher maßgeblich zum Umschwung im Spiel beitrug, war nach Spielende speziell von Fanseite komplett außen vor.

Das große Unverständnis der Fans lautet aktuell: Warum Upa, warum Minjae, warum Ito, warum eventuell sogar noch Tah und nicht mehr Matthijs? Alle genannten sind wesentlich schneller als der Niederländer und wohl auch besser im Spielaufbau …

Upa war bei der WM 2022 in Katar der beste IV des Turniers, spielt nun wieder eine ausgezeichnete EM. Hat bislang unter Didier Deschamps keine einzige Turnierminute verpasst. Julian Nagelsmann hielt immer ganz große Stücke auf ihn, im Grunde genommen auch Thomas Tuchel (bis zu Upas schwarzer Februar-Woche in Leverkusen, Rom und Bochum).

Dagegen spielt Matthijs de Ligt bei dieser EM unter Ronald Koeman überhaupt keine Rolle: Vier Spiele – Null(!) Spielminuten. Das war bei Louis van Gaal übrigens in Katar nicht viel anders.

Wie Nagelsmann, Tuchel, van Gaal, Koeman, Deschamps sehen nun offensichtlich auch Vincent Kompany und Max Eberl die Situation so. Also nicht nur der Autor dieses Textes – und übrigens viele seiner Fußballkumpels, alles frühere Aktive und FCB-Jahreskartenbesitzer, auch.

Wenn man die sportliche Seite so betrachtet, kann Matthijs tatsächlich zusätzlich noch sein hohes Gehalt auf die Füße fallen …

Möge der Shitstorm beginnen …


Update 7. Juli 2024:

Auch bei den EM-Viertelfinalspielen hat sich die bekannte Tendenz fortgesetzt: Während Dayot Upamecano erneut über 120 Minuten (0:0) beim französischen Halbfinaleinzug über Portugal & CR7 im Elfmeterschießen voll überzeugen konnte, bekam Matthijs de Ligt beim 2:1-Sieg der Niederlande über die Türkei abermals keine einzige Spielminute.

Der Coach der Elftal Ronald Koeman setzte insgesamt 16 Spieler ein, darunter auch der frühere FCB-Campus-Spieler Joshua Zirkzee, aber Matthijs war erneut nicht bei diesen dabei. Eine Demütigung.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die französische Abwehr mit Boss Upamecano im gesamten Turnierverlauf sehr sattelfest ist, lediglich ein Gegentor erhalten hat, während die Niederlande bereits fünf gegnerische Tore zuließ – und Matthijs scheint trotzdem nicht die geringste Chance zu haben.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

2 Kommentare zu „Warum man als FCB- und Matthijs de Ligt-Fan dennoch einen Abgang nachvollziehen kann

  1. Top. Absolut nachvollziehbar.
    Menschlich wohl wirklich ein Verlust. Aber als Gesamtpaket leider eher eine kleine Enttäuschung. (Obwohl ich ihn mag)

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