Grandios beschrieben: Die schwerste Phase in der großartigen Karriere von Manuel Neuer

In seiner Kolumne „Meine Bayern“ beschreibt die SportBild-Reporter-Legende Raimund Hinko auf beeindruckende Weise die derzeitige Situation des fünfmaligen Welttorhüters Manuel Neuer.

Der 73-Jährige Hinko begleitet den FC Bayern bereits seit vielen Jahrzehnten. Zahlreiche Geschichts-interessierte FCB-Fans haben Hinkos Buch „FC Bayern München, Fußball-Zauber in München„, eine inoffizielle 80-Jahres-Chronik des Vereins, in ihrem Regal stehen.

Obwohl Boulevard-Journalist unterschied sich stets seine Art, über seinen Lieblingsverein zu schreiben, gewaltig von seinen heutigen Nachfolgern. Er hatte bzw. hat Bezug zu den Protagonisten des Rekordmeisters, ihm werden gute persönliche Beziehungen zu vielen ehemaligen und aktuellen Spielern des FC Bayern nachgesagt.

Der aktuelle Kapitän des FC Bayern liegt ihm ganz offensichtlich speziell am Herzen.

Hinkos Beitrag im Original-Wortlaut:

Lieber Manuel Neuer,

es ist ein hauchdünnes Eis, auf dem Du Dich momentan bewegst. Weil es in der Natur des Menschen liegt, besonders hart mit denen ins Gericht zu gehen, die als unfehlbares Heiligtum durchs Leben schreiten. Weil deren Sturz besonders reizvoll ist.

Niemand, ja wirklich niemand hat jemals daran gezweifelt, dass Du der beste Torhüter der Welt bist. Vielleicht sogar der beste aller Zeiten. Besser als die italienischen National-Helden Dino Zoff und Gianluigi Buffon. Besser als der Spanier Ricardo Zamora, sagenumwobener Held der Zwanziger und Dreißiger im Tor des FC Barcelona, von Espanol Barcelona und Real Madrid. Besser als die Deutschen Sepp Maier und Oliver Kahn.

Man hatte sich daran gewöhnt, dass Dir der Ball rechts wie links am Fuß klebt, dass er Dir wie ein Hündchen gehorcht, dass Du ihm entschlossen fast bis zur Mittellinie entgegensprintest. Wie zuletzt gegen die Ukraine. Dass Du ihn dann zum Gegner spielst, das war man nicht gewöhnt. Erst recht nicht, dass Du den Ball nicht festhalten kannst, wie vor der 1:0-Führung der Griechen oder wie im Tor des FC Bayern bei Real Madrid.

Normalerweise wäre Toni Kroos niemals auch in dieser Saison Champions-League-Sieger geworden. So super hattest Du im Fußball-Tempel Bernabeu-Stadion bis kurz vor Schluss gehalten. Du mit 38 Jahren. Du, der nach einem Skiunfall viele Monate ausgefallen war. Ein Unfall, der Dich das Kapitänsamt beim DFB kostete. In ihren Köpfen bauten die Fans neben der Allianz-Arena bereits ein Denkmal für Dich, neben Gerd Müller (steht schon) und Franz Beckenbauer (in Planung).

Aus Deiner Miene lässt sich nichts ablesen von Deinem Schmerz. Du stehst unbeeindruckt, mit friedlichem Gesichtsausdruck in Deinem Tor. Niemand kann sehen, ob Dein Herz blutet. Ob Dich depressive Gedanken quälen. Erst recht nicht, wie Du sie bekämpfst.

Oliver Kahn schaute sich nach Rückschlägen nachts immer wieder den Film Papillon an, wo Steve McQueen trotz härtester Repressalien nie aufgibt, bis ihm die Flucht aus dem Straflager von Französisch-Guyana gelingt. Buffon bekämpfte seine heftigen Depressionen damit, dass er stundenlang auf Werke des russisch-französisch-jüdischen Malers Marc Chagall blickte.

Und Du?

Es mag Dich beruhigen, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann wie ein Fels hinter Dir steht. Jener Nagelsmann, der vor zwei Jahren als Bayern-Trainer Deinen Torwart-Trainer Toni Tapalovic rauswarf, worunter Du sehr gelitten hast. Das ist klug von Nagelsmann. Er weiß, dass Du ihm das zurückzahlst.

Du kannst vieles wegstecken. Allerdings, dass man jetzt ernsthaft daran zweifelt, dass Du nach wie vor Weltklasse bist, das kann etwas mit Dir anstellen. Im Training spürst Du die Blicke von Marc-André ter Stegen, der offen gesagt hat, dass er sich ungerecht behandelt fühlt, weil er sich für die Nummer eins hält. Diese Blicke sind immer da. Im Training, beim Frühstück, mittags, abends. Du müsstest einen Schutzpanzer tragen wie eine Schildkröte, wenn das nichts mit Dir macht.

Vor zwei Jahren noch hast Du zu mir gesagt, dass Du nicht unbedingt alle Altersrekorde brechen willst, um im Alter noch schmerzfrei Fahrrad zu fahren oder Tennis zu spielen. Lew Jaschin, der legendäre Russe von Dynamo Moskau, hielt bis er 42 war. Bis er ein Opfer seiner vielen Zigaretten wurde und beide Beine verlor. Da half auch der geliebte Wodka nicht drüber hinweg.

Torhüter leben gefährlich, lieber Manuel. Sie stehen allein in ihrer Kiste. Meist verdammt einsam. Niemand, der für sie mitrennt. Von wegen Bälle für sie halten.

Du durchlebst bei dieser EM die schwerste Zeit Deiner Karriere. Niemand kann Dir richtig helfen. Kein Trainer, kein Freund, keine Frau, nicht mal die Fans.

Wenn Du diese EM überstehst ist alles möglich. Auch, dass Du länger hältst als Jaschin. Niemand kann Dich dann noch bremsen.

Ich wünsche Dir eine grandiose EM.

Danke Raimund Hinko, besser kann man die Sachlage von Manuel N. nicht beschreiben!


Titelbild: Am 33. BL-Spieltag 2023/24 im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg schenkt Neuer seinem möglichen zukünftigen Nachfolger beim FCB, Daniel Peretz, ein paar Einsatzminuten. Selbst einige Bayern-Anhänger würden den fünfmaligen Welttorhüter gerne bereits jetzt in Fußballrente schicken. Hoffentlich tritt eher Hinkos Best Case Szenario ein!

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

Ein Kommentar zu “Grandios beschrieben: Die schwerste Phase in der großartigen Karriere von Manuel Neuer

  1. Das erwähnte Hinko-Buch habe ich tatsächlich (im Regal) stehen 😉

    Mit dem Kalle auf dem Cover. Eine Neu-Auflage von 1981 …

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