Kommentar von Petersgradmesser
Als der FC Bayern im Sommer 2021 für die Verpflichtung von Julian Nagelsmann 25 Millionen Euro an den Ligakonkurrenten RB Leipzig zahlte, ging ein Aufschrei durch die Fußballwelt: „Wahnsinn – Weltrekordablösesumme!“ Tatsächlich eine außergewöhnlich höhe Ablösesumme für einen Trainerwechsel. Wenn man seriös auf die Angelegenheit blickt, ist das Kuriose an jener Situation jedoch ganz anders gelagert.
Als Bayer Leverkusen im Oktober 2022 Xabi Alonso verpflichtete, lag der Werksverein in der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz. Der damals 40-jährige Ex-Bayernspieler hauchte dem Klub sofort Leben in Form eines überragenden Spielsystems ein und führte Bayer zum Saisonende noch auf einen Europa League Platz und wäre mit seinem Team beinahe bereits im letzten Jahr im EL-Finale gestanden. Ganz nebenbei beendete er mit seiner Truppe Mitte März 2023 mit einem 2:1-Sieg gegen den FCB das Engagement von Julian Nagelsmann beim Rekordmeister.
Niemand kann natürlich wissen, wo der neue Deutsche Meister heute genau stehen würde, hätte die Bayer-Vereinsführung im Herbst 2022 nicht die geniale Idee gehabt, Alonso zu verpflichten. Trotzdem ist der Baske der Vater dieses unerwarteten grandiosen Aufstiegs der Leverkusener. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Der mit Abstand wichtigste Mann des kometenhaften Aufstiegs von Bayer.
Im Sommer 2018 wollte der FC Bayern, allen voran CEO Kalle Rummenigge, bereits Xabi als Co-Trainer von Niko Kovac verpflichten. Dieser traute sich das offensichtlich – ein Jahr nach seinem Karriereende als Spieler in München – noch nicht zu und wurde lieber Trainer der U14(!) von Real Madrid.
Alonso kam nicht an die Säbener Straße, stattdessen verpflichtete der FCB ein Jahr später den Co-Trainer der Weltmeistermannschaft von 2014 Hansi Flick. Viele behaupten, Flick wäre damals das eigentliche Gehirn des Trainerteams des Weltmeisters gewesen.
Kovac´ Bayern taumelten im Spätherbst 2019 bedenklich, er selbst demontierte den damals erst 30-jährigen Thomas Müller, eine 1:5-Klatsche in Frankfurt beendete abrupt sein Engagement in München. Flick übernahm und führte eine völlig verunsicherte Truppe auf grandiose Art und Weise vom zwischenzeitlichen 6. Platz in der Bundesliga zum Triple, später zum Sextuple, einzigartig in der FCB-Vereinsgeschichte. Sein Nachnachfolger beim FC Bayern Thomas Tuchel vollbrachte übrigens beim FC Chelsea ein Jahr später ein ähnliches Kunststück und besiegte den hohen Favoriten ManCity im CL-Finale mit 1:0.
Der Trainer – der wichtigste Mann, nicht unbedingt im gesamten Verein, aber definitiv im Mannschaftsgefüge. Denn kein einzelner / einziger Spieler hat die Bedeutung für den Erfolg eines Teams wie sie der Chefcoach hat. Wenn natürlich seine Kicker nicht fähig sind, auf dem Rasen die Vorgaben umzusetzen, ist auch ein Trainer machtlos. Trotzdem ist der Übungsleiter insgesamt die wichtigste Person im Konstrukt.
Bei der Verpflichtung von normalen Bundesligaspielern werden mittlerweile zweistellige Millionenbeträge abgerufen, international steigen die Ablösesummen bei Spielerverpflichtungen sehr schnell auf 30 bis 50 Millionen, ein 30-jähriger Harry Kane kostete den FCB im Sommer 2023 knapp 100 Millionen an Ablösesumme. Für Florian Wirtz und Jamal Musiala lägen die Transfersummen weit darüber. Und beim so überragend wichtigen Trainer soll dann geknausert werden?
Ähnliches galt übrigens jahrzehntelang für Torhüter. Der FCB zahlte 1994 umgerechnet 2,4 Millionen Euro für Oliver Kahn an den KSC. Für Feldspieler gab es schon damals Transfersummen, die zehnmal höher waren. Erst Buffon, Neuer & Co weckten das Bewusstsein, dass ein Torwart genauso viel wert wie jede andere Position auf dem Spielfeld ist.
Im Mai 2024 gibt es gerade großes Geschrei um die vom FC Burnley abgerufene XXL-Transfersumme von kolportierten 20 Millionen Euro (oder Pfund?) für Vincent Kompany! Angeblich ist der deutsche Rekordmeister bislang nur bereit, 10 Millionen Euro zu zahlen.
Zum Geraderücken der Situation: Außer für Julian Nagelsmann (für den blechte man schon 2021!) hätte der FCB für jeden einzelnen medial gehandelten „Wunschkandidaten“ eine satte Ablösesumme zahlen müssen. Kompany reiht sich hier nur ein. Und man kann sicher sein, dass künftig die Ablösesummen für (Top)Trainer sich denjenigen von (Top)Spielern anpassen werden. Eine absolut sinnvolle Entwicklung, die – wie bei den Keepern – wohl nur ihre Zeit braucht, dass sie akzeptiert wird.
PS: Der hoch gelobte Xabi Alonso war übrigens 2022 bei der Bayer-Verpflichtung vereinslos und musste zum Ende der Saison 2021/22 mit seinem ersten Seniorenteam Real Sociedad B den Abstieg von der zweiten in die dritte spanische Liga hinnehmen. Als Information speziell für diejenigen gedacht, die Vincent Kompany wegen des Abstiegs mit dem FC Burnley aus der Premier League als nicht geeignet ansehen.
PPS: An Max Eberl & Co (Aufsichtsrat?): Wenn Ihr von Vincent überzeugt sein, Arschbacken zusammen kneifen, ins Festgeldkonto greifen und zahlen. Jede weitere Verzögerung, jeder weitere verlorene Tag in der Vorbereitung auf die Saison 2024/25 kann den FC Bayern viel teurer zu stehen kommen!
Update 27. Mai 2024
Die Verantwortlichen des FC Bayern haben am Freitag – offensichtlich und glücklicherweise – den Ratschlag von FC Bayern Total befolgt: Man hat sich mit Burnley auf eine Ablösesumme für Kompany einigen können.
Der Witz: Manche Boulevardblätter bezeichnen diese nun als „mega Ablösesumme„. Gleichzeitig wird berichtet, dass man sich auf 10 bis 12 Millionen Euro einigen konnte bzw. auf 10,5 Millionen Euro mit diversen Bonuszahlungen.
Leute, FCB-Fans, das ist ein Schnäppchen! Wer den Beitrag aufmerksam durchgelesen hat, weiß warum …
