„Doublekusen statt Vizekusen“? – Bayerns größte Herausforderung

Nach dem gestrigen spektakulären DFB-Halbfinaleinzug von Bayer Leverkusen über den VfB Stuttgart (3:2 in letzter Spielminute) wurden die Bayern und ihre Fans heute mit Überschriften wie „Doublekusen statt Vizekusen“ provoziert. Aber schnappen dem Rekordmeister die ewigen Zweiten aus Leverkusen tatsächlich in dieser Saison die Titel weg, die nach zuletzt nur Deutschen Meisterschaften nahezu als Pflicht ausgerufen wurden?

Während der FC Bayern neben zahlreichen internationalen Titeln in Fußball-Deutschland mit riesigem Vorsprung sowohl Rekordmeister (33) als auch Rekordpokalsieger (20) ist, stehen auf der Titelliste der Werkself lediglich ein UEFA-Pokalsieg (1988) und ein DFB-Pokalsieg (1993). Dagegen gesellen sich zu den fünf deutschen Vizemeisterschaften (1997, 1999, 2000, 2002, 2011) drei verlorene Pokalfinale (2002, 2009, 2020) und ein verlorenes CL-Finale – ebenfalls 2002 gegen Real Madrid (1:2). Nach dem Vize-Triple im Jahr 2002 wurde man endgültig zu Vizekusen, der damalige sportliche Geschäftsführer ließ diesen Begriff tatsächlich patentieren.

Bei vier Vize-Titeln musste man dem FCB den Vortritt lassen – 1997, 1999, besonders dramatisch 2000 und im Pokalfinale 2020 beim chancenlosen 2:4. Sechs dritte Plätze kommen seit dem Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 1979 zusätzlich hinzu (1994 – 2022). Seit den Spielzeiten um die Jahrtausendwende, als man sich einige Zeit auf Augenhöhe begegnete, Bayer jedoch trotzdem titellos blieb, werden deshalb die Werkself und ihr Anhang in München regelmäßig mit „Ihr werdet nie deutscher Meister“ begrüßt und meist auch verabschiedet.

Und diese lieb gewonnene Gewohnheit soll ab Ende Mai der Vergangenheit angehören?

Ein Großteil der deutschen Fußballfans wünscht sich dieses Szenario nach zuletzt elf FCB-Meisterschaften in Serie – Rekord in Europas Topligen – nahezu sehnsüchtig. Und nicht wenige Bayernfans scheinen ob der bislang grandiosen Saison von Xabis Truppe leicht verwirrt: Denn auch die Bayern spielen eine – ergebnistechnisch – äußerst starke Bundesligasaison – 50 Punkte und 59:19 aus 20 Spielen sind herausragend. Dazu kommt eine fast makellose CL-Gruppenphase – fünf Siege und ein Unentschieden in einer anspruchsvollen Gruppe. Weil sich der Rekordmeister mit dieser Bilanz knapp hinter Bayer in der Tabelle einordnet, sehen sich Tuchel und viele seiner Spieler trotzdem einem Dauer-Bombardement an Meckereien ausgesetzt. Viele vergessen dabei, dass dies in einer Durchschnittssaison im deutschen Fußball-Oberhaus zu einem acht- bis zehn-Punkte-Vorsprung reichen würde. Natürlich würde da auch gemeckert werden über die langweilige Bundesliga!

Bayer Leverkusen performt bislang in dieser Spielzeit tatsächlich wettbewerbsübergreifend außergewöhnlich: 30 Spiele – 26 Siege – 4 Unentschieden – 90:22 Tore!

Allerdings gehört zur Bayer-Wahrheit dieser Saison auch, dass man in den beiden Pokalwettbewerben – DFB-Pokal und Europa League – bis zum gestrigen Top-Viertelfinale gegen den VfB auf Teutonia Ottensen, Sandhausen, Paderborn, Qarabag, Molde und Häcken getroffen ist – 9 Siege und 35:6 Tore sind da fast schon Standard und Pflicht.

Und noch eine Sache sollte man bei dieser grandiosen Serie nicht vergessen: Bei den vier Remis stand Leverkusen ein einziges Mal ganz knapp vor einer Niederlage. Das war am 4. BL-Spieltag in München: Ein äußerst umstrittener Foulelfmeter brachte tief in der Nachspielzeit das glückliche 2:2. Hätte der FCB damals mit 2:1 gewonnen, stünde er aktuell an der Tabellenspitze der Bundesliga!

Rein punktemäßig ist Leverkusen in der 61-jährigen BL-Geschichte nach 20 Spieltagen die beste Mannschaft, die nicht regelmäßig an der Säbener Straße trainiert(e). Nur Peps Bayern waren zu dem Saisonzeitpunkt 2014 und 2016 besser, die Triple-Bayern 2013 und 2020 dagegen nicht.

Schafft es die Werkself tatsächlich, ohne eine einzige Krise durch die Saison zu schweben? Selbst in den besten Jahren seiner Vereinsgeschichte gelang dies dem FCB nie. Wie ernsthaft geht Bayer zudem an das Projekt Triple heran? Man kann ja auch die Europa League gewinnen. Dann werden die Spiele auch noch einmal anspruchsvoller. Unter anderen der FC Liverpool in Klopps Abschiedssaison und der letztjährige CL-Halbfinalist Milan könnten sehr schnell die Gegner werden. Schwere Spiele am Donnerstagabend erleichtern den Ligaalltag nicht unbedingt.

Im Gegensatz zum FC Bayern wurde Leverkusen bislang auch noch von größerem Verletzungspech verschont. Schiedsrichter wie Daniel Schlager waren den Bayer-Spielern in knappen Partien wohlgesonnen …

Ganz unabhängig, wie das Topspiel zwischen Bayer und Bayern am Samstagabend in der BayArena ausgehen wird: Es könnte ein enges Titelrennen bis zum letzten Spieltag bleiben – und da hat eindeutig der deutsche Rekordmeister mehr (positive) Erfahrung (gesammelt)!

Titelbild: Bayer-Ecke vor der Südkurve in Halbzeit 1 des Hinspiels.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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