Die Liste der Kritikpunkte der Medien an Thomas Tuchel und seiner Mannschaft scheint in der laufenden Saison manchmal unendlich lang zu sein. Die Kommentare und Beiträge von enttäuschten bis wütenden Bayernfans in den Social Media sogar noch länger. Die Bilanzen sprechen jedoch eine ganz andere Sprache: Sieht man vom in der Tat unnötigen Ausscheiden im DFB-Pokal in Saarbrücken ab, hat Tuchels Truppe – in Meisterschaft und Champions League – eine bislang starke bis überragende Bilanz aufzuweisen.
Die 47 Punkte und 56:18 Tore nach 19 Bundesliga-Spieltagen sind die beste Ausbeute seit acht Jahren! Und auch die fünf Siege bei einem Unentschieden in der Königsklasse weisen die Bayern als drittbeste Mannschaft der CL-Gruppenphase aus.
Ein Blick in die jüngere BL-Historie verrät, was aktuell tatsächlich schief läuft: Auch vor sechs Jahren starteten die Bayern mit 47 Punkten nach 19 Spieltagen in die Saison, und mit einem um acht Tore schlechteren Torverhältnis als aktuell. Damals war man allerdings souveräner Tabellenführer, mit sage und schreibe 16(!) Punkten Vorsprung vor Bayer Leverkusen. Derzeit liegt die Werkself jedoch – auch nach dem kleinen Patzer gestern gegen Gladbach (Heim-0:0) – mit 49 Punkten an der Spitze! Der mit Abstand beste Saisonstart der Historie von Leverkusen, die beste Bilanz aller Bundesligavereine in der 61-jährigen BL-Geschichte – natürlich mit Ausnahme von Guardiolas Bayern 2013/14 und 2015/16.
Warum ist die Kritik derzeit so besonders scharf an den Protagonisten des Rekordmeisters?
- Traditionell starten die Bayern in der Winterzeit verhältnismäßig schwach ins neue Fußball-Kalenderjahr. Das ist derzeit nicht viel anders als in fast allen anderen Jahren zuvor.
- Dass Tuchels Kader derzeit von massenhaft Verletzungen aber auch Abstellungen für kontinentale Titelkämpfe sehr geschwächt ist, wird von vielen Seiten komplett ignoriert.
- Die allgemeine Erwartungshaltung übertrifft alle vernünftigen Einschätzungen um ein Vielfaches. Auch Social Media sei Dank eskaliert diese Situation schnell wie ein Tsunami.
- Die Niederlagen passierten nicht in den absoluten Topspielen, sondern gegen Teams, gegen welche Siege von der Öffentlichkeit als Muss eingeordnet werden. Hätte man die Niederlagen gegen die als Topteams bewerteten Vereine erlitten, wäre das Geschrei wahrscheinlich nicht ganz so groß gewesen.
Für die Bayern kann es jetzt nur darum gehen, baldmöglichst in Topform zu kommen und die zahlreichen Ausfälle – gestern kam Kingsley Coman dazu – bestmöglich zu kompensieren. Und hoffentlich ist dieses fast schon unheimliche Verletzungspech bald beendet!
PS: Bei fünf von sechs Königsklassen-Triumphen stand der FCB punktemäßig zu diesem Saisonzeitpunkt schlechter da. Nur in der legendären Triple-Saison 2012/13 unwesentlich besser.
