Es gab eine Zeit, in welcher es für den deutschen Fußballfan eine Pflichtaufgabe war, sich zweimal pro Woche – montags und donnerstags – den kicker zu besorgen. Das war in einer Zeit, in welcher es noch sehr lange kein Internet gab, in welchem man sich heutzutage permanent über die neuesten Entwicklungen im (Welt-)Fußball informieren kann. Damals hatte man den Eindruck, es handle sich um ein absolutes Fachjournal mit dem eigenen Anspruch von höchst professioneller seriöser Neutralität. Die kicker-Ranglisten in Sommer und Winter galten als so etwas wie deutsches Fußballgesetz.
Auf seiner Internetseite leitet der kicker die Winterrangliste 2023/24 aktuell mit den Worten ein: „Eine Sache wird immer mehr klar: Leverkusen hat nicht nur in der Bundesliga dominiert, sondern damit auch die kicker-Ranglisten erobert.“
Eine Einleitung, die wenig kompatibel mit dem Anspruch der 1960er bis 1980er Jahre, noch abgeschwächt in den 1990er Jahren ist. Denn natürlich hat Xabis Truppe eine überragende Hinrunde gespielt, aber auch der FC Bayern hat auf demselben Level mit der Werkself mitgehalten. Dies müssten die Ranglisten etwas mehr widerspiegeln. Hätte zum Beispiel der Rekordmeister das Duell am 4. Spieltag gewonnen, in welchem Leverkusen durch einen höchst umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich kam, würden jetzt die Bayern von der Tabellenspitze grüßen.
Es ist aber auch keineswegs ausgeschlossen, dass der FC Bayern nach dem 18. Spieltag – Leverkusen muss zum Rückrundenstart nach Leipzig – und dem Nachholspiel gegen Union Berlin bereits von der Tabellenspitze grüßen wird.
Die aktuelle Internetversion des kicker: „Auch in der Kategorie Mittelfeld offensiv liegt ein Bayer-Profi ganz vorn: Wirtz erinnert an Modric und Messi – Musiala sinkt (dazu später) etwas ab“!
Wirtz wird in die Kategorie Weltklasse eingeordnet:
„Der Leverkusener absolvierte im vergangenen Halbjahr den nächsten Karriereschritt. Mit einer durchweg überragenden Performance, national wie international. Mit der gewünschten Konstanz und mit spielerischen Highlights, die nur ganz wenige zu bieten haben. Bei der Beschreibung seines famosen Halbjahres fielen auch die Namen Luka Modric und Lionel Messi. In der Tat, mitunter finden sich in seinem Spiel Merkmale der beiden Weltstars, die schon seit Jahren auf allerhöchstem Niveau unterwegs sind.„
Tatsächlich hat Wirtz eine überragende BL-Hinrunde gespielt, aber wo waren bitte die internationalen Highlights? In der zweitklassigen Europa League – Bayer hatte eine makellose Bilanz in einer ganz schwachen Gruppe – kaum möglich und in den Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft setzte er auch keine wirklichen Akzente.
Dahinter folgen in der kicker-Rangliste der Leipziger Xavi und mit Jonas Hofmann abermals ein Leverkusener auf den Rängen 2 und 3 – Kategorie Internationale Klasse. Zu Hofmann meint das Fachmagazin: „Der Ex-Gladbacher liefert zuverlässig, ist äußerst spielintelligent. Ein verkappter Zehner, der feine Bälle in die Tiefe spielt, nach Abstimmung unter den kicker-Redakteuren knapp hinter Xavi einsortiert.“
Und dann nach Wirtz auf Rang 4 der große (aber schlechte) WITZ mit Jamal Musiala, Kategorie Nationale Klasse! Ehrlich gesagt eine Unverschämtheit, eine Demütigung: „Wie Wirtz und Xavi Jahrgang 2003: Was für ein Top-Niveau der gerade erst 20-Jährigen. Der Mittelfeldmann der Bayern fand wegen mehrerer Verletzungen kaum seinen Rhythmus, zeigte aber immer wieder seine große Klasse am Ball, auch in den internationalen Spielen.„
Wenn man die erklärenden Texte zum drittplatzierten Hofmann und zu Jamal miteinander vergleicht, merkt man schon, dass da etwas nicht so ganz stimmen kann. Im aktuellen kicker-Ranking steht Musiala zwar eine Kategorie hinter Hofmann, vom Talent her allerdings mindestens zwei Klassen über ihm. Ein Nationalspieler Hofmann würde bei der EM bedeuten, dass Deutschland völlig ohne Hoffnung und Chancen auf ein gutes Abschneiden ist. Beim Rekordmeister hat man in jedem einzelnen Spiel das Fehlen des 20-jährigen Musiala bemerkt. Wirtz wird vom kicker mit Messi und Modric verglichen, Musiala von vielen Bayernfans mit (dem jungen) Franz Beckenbauer, welcher als 20-Jähriger mit ähnlich eleganten Aktionen durch das gegnerischen Mittelfeld gewirbelt war.
Apropos Jonas Hofmann: Dieser hat beim direkten Aufeinandertreffen mit seiner bitteren Schauspieleinlage für den Leverkusener Elfmeter gesorgt – und somit die kicker-Einschätzungen bzw. Einordnungen erst möglich bzw. ansatzweise plausibel gemacht … Da bedankt man sich als Fachmagazin vielleicht auch mal recht artig 😉
PS: Thomas Müller liegt in diesem Ranking auf Rang 9: hinter Kramaric, Demirovic, Millot und dem Leipziger Baumgartner.

Die Einordnung von Jonas Hofmann ist tatsächlich ein Witz!
Jamal, zeig es in der Rückrunde all den Schmalspurjournalisten!