Kommentar von Petersgradmesser
Nach so bitteren unerwarteten blamablen Niederlagen wie der gestrigen des deutschen Rekord-Meisters und -Pokalsiegers FC Bayern beim kämpferisch über sich hinauswachsenden aber technisch extrem limitierten 1. FC Saarbrücken neigt der Fußballfan zu Übertreibungen und Unsachlichkeiten. Viele – zurecht – maßlos enttäuschte FCB-Anhänger sprachen von einem verdienten Sieg der Saarländer über arrogante Bayern. Letztendlich sind inhaltlich beide enthaltenen Aussagen zwar nachvollziehbar, sachlich aber falsch.
Hätten neutrale Beobachter mit Fußball-Sachverstand gestern den Pokalfight in Saarbrücken gesehen – und dies ohne zu wissen, wer gegeneinander spielt – wäre bei einem korrekten Ergebnis zum Spielverlauf sicherlich mindestens ein Sieg mit drei Toren Unterschied für den FCB herausgekommen. Von wegen verdienter Saarbrücken-Sieg.
Was ist mit dem Vorwurf der Arroganz?
Ganz ist dieser sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber aus ganz anderen Gründen, wie viele nun meinen. Zu dem Thema hatte ich gestern kurz nach dem Spiel eine interessante Konversation. In dieser wurde ich auf die Spielvorbereitung nach dem 8:0-Sieg gegen Darmstadt aufmerksam gemacht: Sonntag trainingsfrei für die Startelf vom Samstag. Montag öffentliches Training, welches durch das Drängen von BILD & Co fast schon erzwungen wurde, dann Zirkus Roncalli mit den Familien. Dienstag Abschlusstraining für ein Spiel, von dem man nicht genau wusste, ob es überhaupt stattfinden wird. Anreise erst am Spieltag – im Hinterkopf das BVB-Spiel am Wochenende und dass man sich bei den schlechten Platzverhältnissen nicht verletzen möchte … Als Gesamtkonstellation ergibt dies eine katastrophal schlechte Vorbereitung auf ein Profi-Fußballspiel. Der geringste Vorwurf ist dabei den Spielern zu machen.
Bei den Spielanalysen tauchte fast bei jedem Verantwortlichen und Spieler mehrfach das Wort Dortmund auf. Bei Thomas Tuchel spielte das BL-Spitzenspiel am Samstagabend schon bei der Mannschaftsaufstellung eine riesige Rolle: Er rotierte und dies – im Nachhinein gesehen – leider sehr unglücklich. Frans Krätzig hat zwar endlich auf seiner eigentlichen Position gespielt, war aber gegen die robusten Drittligisten überfordert bzw. fehl am Platz. Bouna Sarr fast ohne Spielpraxis ein Fremdkörper. Mathys Tel nach wie vor wesentlich besser als Einwechselspieler und Choupo-Moting unglücklich und weit entfernt von seiner Bestform.
Wie sehr der tiefe Boden in Saarbrücken, der für Profi-Fußballverhältnisse durchaus als Krautacker zu bezeichnen war, an der äußerst bescheidenen Leistung vieler FCB-Akteure beteiligt war, ist schwer zu sagen. Die überragenden Techniker Leroy Sané und Jamal Musiala kamen jedenfalls mit dem Geläuf überhaupt nicht zurecht. Thematisiert wurde der schlechte Zustand des Spielfelds nach dem Spiel nicht, die Probleme von Leroy und Jamal kann man aber auf alle Fälle als Indiz werten.
Nicht Schuld war der Rasen an der erneuten Knieverletzung von Matthijs de Ligt. Diese hatte aber direkt und indirekt Auswirkung auf das Bayernspiel in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit. Kurz zusammengefasst: Bittere (System-)Umstellung und Schockstarre.
Auch der Schiedsrichter Frank Willenborg hatte seinen Anteil am Ausscheiden des FCB: Auch wenn die übertragende ARD samt Reporter Sven Roland (Niveau der Reportage nahe der Körperverletzung!) die Szenen nahezu wegretuschierten: Der FCB hätte zwei Elfmeter bekommen müssen. Ein klares Foul an Choupo beim Stand von 1:0. Ein 2:0 hätte das Spiel früh entschieden. Und ein klares Handspiel ganz spät – Saarbrücken wäre in der Verlängerung komplett eingebrochen. Wie sehr hat man dabei den permanent kritisierten VAR vermisst! Ich selbst halte ihn grundsätzlich für eine große Verbesserung im Sinne der Gerechtigkeit im Profifußball. Allerdings ist seine aktuelle Umsetzung eine abenteuerliche Farce.
Ab der 60. Minute lagen die Saarbrücker Spieler gefühlt mehr mit Wadenkrämpfen am Boden als dass sie die Münchner Spielhälfte betraten. Die angezeigten sechs Minuten Nachspielzeit waren vor diesem Hintergrund ein weiterer schlechter Witz der Partie. Und der schlechteste war, dass Bayern genau in jener 96. Minute gegen von Minute zu Minute mehr taumelnde Drittliga-Profis die Abwehr völlig entblößten und den Konter zum 2:1 zuließen.
Harry Kane kommt übrigens in seiner ersten Saison beim FC Bayern auf insgesamt Null Komma Null Pokalminuten. Wie beim 4:0 in Münster saß er auch gestern das gesamte Spiel über auf der Bank. Choupo dagegen rackerte äußerst unglücklich, sah in der ersten Halbzeit eine unberechtigte gelbe Karte … für mich persönlich der größte Fehler von Tuchel. Speziell nachdem er noch jüngst auf einer PK gesagt hatte, dass Harry immer spielen muss und kann, weil er absolut fit ist und auch ökonomisch spielt.
Das Positive vor dem BVB-Spiel: Mit Manuel Neuer, Alphonso Davies und (dem allerdings strauchelnden) Minjae Kim haben gestern ganze drei Kandidaten für die Startelf in Dortmund über die volle Distanz gespielt. Hoffentlich kommen neben Kane auch Leon Goretzka (hat gestern mit seiner Robustheit extrem gefehlt) und Dayot Upamecano (bester IV der bisherigen Saison) wieder zurück. Ebenso Noussair Mazraoui und Raphael Guerreiro.
Die erschreckten Gesichter der Herren Dreesen und Hainer gestern auf der Tribüne ließen zumindest erahnen, dass sie mittlerweile die Tragweite ihres Versagens in der Endphase der Sommertransferphase erkennen … Die nächsten beiden Monate muss Tuchel sehr sehr flexibel sein …

Guter Kommentar! Man hat im TV schon erahnen können, was das für ein schlechter Platz war, so oft wie der Ball versprungen ist. Aber meiner Meinung nach gehört ein „Krautacker“ auch zu diesem Sport (zumindest war es früher so). Es waren eben widrige Umstände, „Wetterpech“ quasi, und da ist keiner Schuld dran. Von irregulären Verhältnissen war das glaube ich noch weit entfernt, und daher möchte ich diese Entschuldigung auch nicht gelten lassen. Es waren schließlich genug Chancen da! Im Übrigen habe ich Bouna Sarr nicht ganz so schlecht gesehen wie du.
Deswegen haben die Platzverhältnisse im Beitrag ja nicht die ganz große Bedeutung bekommen, auch wenn sie für die Edeltechniker Gift waren … Sie haben wohl vor allem mental eine Rolle gespielt.
Das mit Bouna ist vielleicht etwas missverständlich. „Fremdkörper“ bedeutet vor allem, dass es gerade in Halbzeit 1 viele Missverständnisse mit den Mitspielern gab: Laufwege, einfache Pässe … daran ist keineswegs (nur) er Schuld, sondern das mangelnde Eingespielt-Sein.