Kommentar von Petersgradmesser
Mitte der vergangenen Woche hat FC Bayern Total eine Umfrage unter Bayernfans gestartet und dabei gefragt, wie sie als Klubführung die Angelegenheit mit Noussair Mazraoui klären würden. Ein Instagram-Post des marokkanischen Nationalspielers anlässlich des eskalierenden Nahost-Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern hatte in der Länderspielpause zu riesiger Aufregung geführt.
Das Ergebnis der Umfrage, an welcher sich so viele Teilnehmer wie noch nie an einer FC Bayern Total Umfrage beteiligten, war, dass 78 Prozent der Bayernfans hinter dem Spieler trotz seiner umstrittenen Aussagen stehen. Somit auch eine Bestätigung, dass die Entscheidung der Vereinsverantwortlichen, keinerlei Sanktionen gegen Nous auszusprechen, absolut im Sinne der FCB-Fans ist.
FCB-Fan-Umfrage zu Mazraoui: Große Mehrheit steht hinter dem Spieler – FC Bayern Total
19 Prozent haben sich für eine Suspendierung, einige von ihnen sogar für eine Ausweisung(!) des Marokkaners aus Deutschland ausgesprochen. Den Scharfmachern und Befürwortern einer Ausweisung sei in diesem Zusammenhang gesagt, dass Nous eine Doppelstaatsbürgerschaft hat. Er ist in den Niederlanden geboren und auch EU-Bürger!
Auffallend viele Befürworter einer Entlassung haben als Hauptargument gebracht, dass der FC Bayern der Klub Kurt Landauers sei. Dieser ist der legendäre jüdische Präsident, einer der sechs Ehrenpräsidenten des Vereins, der von 1913 bis 1951 mit z.T. großen Unterbrechungen in vier Amtsperioden die Geschicke des FCB führte. Viele bezeichneten ihn dabei fälschlicherweise als Vereinsgründer, einer gab ihm sogar den Vornamen Karl.
Vor knapp acht Jahren hatte ich das Vergnügen, Dirk Kämper kennenzulernen. Dirk ist Historiker und Drehbuchautor, u.a. von ein paar ARD-Tatort-Folgen, den informierten FCB-Fans aber hauptsächlich vom Film Landauer – Der Präsident mit Josef Bierbichler, Herbert Knaup und Eisi Gulp (köstlich als Löwen-Präsident) aus dem Jahr 2014 bekannt. Dieser Film ist bewegend, enthält allerdings einige geschichtliche Ungenauigkeiten, einem hübschen Drehbuch geschuldet.
Dirk Kämper ist aber auch der Autor des Buchs „Kurt Landauer – der Mann, der den FC Bayern erfand“, welches die Geschichte Landauers im Gegensatz zum TV-Film absolut korrekt wiedergibt. Für den Geschichts-interessierten FCB-Fan ein Muss. Auf der Rückseite des Covers wird „der Vater des modernen FC Bayern“ wie folgt beschrieben:
„Kurt Landauer, als Sohn jüdischer Eltern in Planegg geboren, formte den Verein zu einer anerkannten Adresse mit internationalen Kontakten und führte ihn 1932 zur Deutschen Meisterschaft. Im Nationalsozialismus verlor er seine Arbeitsstelle, nach der Pogromnacht 1938 war er vier Wochen im KZ Dachau interniert. Nach seiner Entlassung aus dem KZ konnte er in die Schweiz fliehen. Obwohl vier seiner Geschwister von den Nazis ermordet wurden, kehrte Landauer 1947 nach München zurück und begann mit dem Wiederaufbau seines FC Bayern. Hier wird diesem urbayerischen und weitblickendem Mann ein Denkmal gesetzt.“
Treffender kann man eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten der Vereinshistorie wohl nicht beschreiben, die zusätzlich auch ein Dickschädel à la Uli Hoeneß war. Landauer war tatsächlich viel mehr Bayer, stolzer Münchner, als Jude. Den Glauben praktizierte er nicht. Zumindest ist nichts davon bekannt.)* Trotz seiner schweren Zeit und den grausamen Verlusten in seiner Familie kehrte er ins Nazi-Deutschland zurück, nicht zuletzt aus Liebe zum FCB und zu einer Frau. Er war nicht unerbittlich, sondern konnte verzeihen. Er hätte es ganz sicher abgelehnt, als Gallionsfigur für Argumente gegen Noussair Mazraoui missbraucht zu werden.
Im Ersten Weltkrieg hatte Landauer für Deutschland an der Front gekämpft und konnte es so auch ziemlich lange nicht glauben, dass die Nazis ihn wegen seiner (nicht praktizierten) Religionszugehörigkeit als Staatsfeind betrachteten und behandelten. Deswegen flüchtete er auch erst auf dem allerletzten Drücker aus Deutschland in die Schweiz.
Generell ist die Forderung von Journalisten, Politikern und einigen FCB-Fans, dass der FC Bayern im Sinne seiner Geschichte handeln soll, etwas konstruiert, einseitig und auch wenig nachvollziehbar, wenn man die jüngere Vereinsgeschichte betrachtet: Spätestens seit Franck Ribéry 2007 gab und gibt es auch bedeutende muslimische Vereinsmitglieder, die doch auch Teil der Bayernfamilie und -historie sein sollten. Weltweit gibt es viel mehr muslimische als jüdische Fans des deutschen Rekordmeisters. Franck postete in seiner Instagram-Story jüngst übrigens auch seine Sympathien für das palästinensische Volk.
Selbst habe ich übrigens auch eine spezielle Beziehung zu Kurt Landauer: Ich habe 12 Jahre lang in seinem Geburtsort Planegg gelebt und fast ein Vierteljahrhundert dort mein Büro gehabt. Ich habe viele Stunden im Gemeindearchiv von Planegg verbracht, um alle möglichen Informationen über Landauer zu sammeln, habe in mühsamer Kleinarbeit herausfinden können, an welcher Stelle im Ortskern das Geburtshaus von Kurt stand. Dazu eine kleine Anekdote: Kurt ärgerte es maßlos, dass er – der stolze Münchner – als einziger seiner Geschwister nicht in seiner Lieblingsstadt geboren wurde. Im Sommer 1884 gab es in München eine Seuche (wahrscheinlich die Cholera), so dass Kurts Mutter mit einer Hebamme für sechs Wochen nach Planegg gegangen ist, um dort die spätere Vereinslegende am 28. Juli auf die Welt zu bringen. Die Geschwister hänselten Kurt für diesen Ausflug zu seiner Geburt.


Feige brutale Terrorakte wie die der Hamas gegen die Zivilbevölkerung sind immer und in jeder Konstellation zu verurteilen. Deswegen darf man aber in einem Land wie Deutschland, in welchem Meinungsfreiheit herrschen sollte, auch eine rechtsradikale Regierung, wie sie in Israel derzeit unter Führung von Netanyahu besteht, kritisieren. Man sollte auch Antisemitismus nie mit Antizionismus verwechseln.
Ich selbst war 1995 für zwei wundervolle Wochen in Israel – mit ein paar wenigen Schockmomenten (Fahrt am Gazastreifen entlang, den ich tatsächlich als riesiges „Konzentrationslager“ im allgemeinen Sinne, nicht auf 1933-45 begrenzt, empfand; feindselige Palästinenser in Jericho). Damals hieß der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin, er stand für Verständigung und Versöhnung mit den Palästinensern. Wenige Wochen später wurde er von einem (religiös-)fanatischen rechtsextremen israelischen(!) Jurastudenten brutal ermordet. Seitdem geht die israelisch-palästinensische Geschichte leider kontinuierlich in die falsche Richtung.
PS: Sollte die Südkurve beim nächsten Heimspiel gegen Darmstadt meinen, sich gegenüber Noussair ähnlich wie zuletzt gegenüber Boateng und Eberl äußern zu müssen: Sehr sehr viele Anti-Mazraoui-Landauer-Argumente kamen aus der AfD-Richtung. Ihr solltet wissen, mit wem Ihr gemeinsame Sache macht!!
Titelbild: Kurts letzte Ruhestätte im Familiengrab im Neuen Israelitischen Friedhof in München-Freimann.
)* Es ist leider in der heutigen Gesellschaft Usus, dass ein paar Korinthenkacker in jedem Text, der nicht zu hundert Prozent ihre eigene Meinung widerspiegelt, Dinge bewusst falsch verstehen wollen. Hier wurde mir vorgehalten, dass ich im Vergleich Bayer / Jude nicht den Unterschied zwischen Religion und Staatsgehörigkeit kennen würde. Tatsache ist, dass in den Argumentationen vieler Landauer auf eine Religionszugehörigkeit reduziert wird („Jude„, „jüdisch„), die er nicht einmal aktiv praktiziert hat, die in seinem normalen Leben keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht die Nazis auf diesem irrwitzigen Trip gewesen wären. Dagegen war Landauer mit Leib und Seele und mit großem Stolz ein Münchner Bayer.

Sehr gut geschrieben.
Die Stellungnahme des FC Bayern zu Mazraoui ist richtig. Es wäre aber perfekt gewesen, wenn im vorletzten Absatz auch die palästinensischen Zivilisten erwähnt worden wären, die Kollateralopfer des Konflikts sind.
Korrekt, das haben wir in einem unserer Beiträge auch so erwähnt.
In Deutschland leben übrigens ca. 200000 Menschen jüdischen Glaubens und knapp 6 Mio Muslime …