Bayern-Kapitän Manuel Neuer hat sich beim Auswärtssieg in Bremen einen Faserriss in der Wade zugezogen. Ist dies tatsächlich der befürchtete große Nachteil? Ein Kommentar.
Nachdem sich Manuel Neuer beim 3:0-Auswärtssieg des FC Bayern bei Werder Bremen zur Halbzeit wegen „Wadenproblemen“ hatte auswechseln lassen, gaben die Vereinsverantwortlichen nach der Partie schnell Entwarnung, es hätte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßnahme gehandelt. Auch dass der fünffache Welttorhüter sich nach der Pause schnell wieder auf die Ersatzbank gesetzt hatte, wurde als positives Signal gewertet. Eine längere Spielpause wurde somit nicht erwartet.
Knapp einen Tag später revidierte der Rekordmeister diese optimistische Einschätzung auf seiner Homepage: “ Manuel Neuer hat sich beim gestrigen Bundesliga-Auswärtsspiel gegen den SV Werder Bremen (3:0) einen Faserriss in der linken Wade zugezogen. Das ergab eine eingehende Untersuchung der medizinischen Abteilung des FC Bayern.“ Wie in solchen Verletzungsfällen üblich wurde keine Ausfalldauer prognostiziert, stattdessen die Standartfloskel „muss vorerst auf seinen Kapitän verzichten“ gewählt.
Während die Medien über eine Ausfalldauer von (mindestens) drei Wochen spekulieren, womit Neuer auf alle Fälle den deutschen Klassiker in Dortmund verpassen würde (28. Februar), erinnert man sich an der Säbener Straße sicherlich – mit Schrecken – an die letzte Spielzeit. Im Champions-League-Achtelfinal-Hinspiel Anfang März 2025 gegen Bayer Leverkusen hatte der 39-Jährige dieselbe Verletzung erlitten und fiel nachfolgend für zwei Monate aus.
Langfristiger Neuer-Ausfall tatsächlich eine „Hiobsbotschaft“ für den FCB?
Diese Erfahrung im Hinterkopf sprechen nun einige Medien und Experten von einer „Hiobsbotschaft“ für den FC Bayern? Aber stimmt das denn wirklich? Ist der Rekordmeister in den nächsten Wochen, möglicherweise Monaten tatsächlich stark gehandicapt? Die Leistungen von Ersatzkeeper Jonas Urbig sollten dabei doch sehr beruhigend wirken. Seit knapp einem Jahr hat der im Januar 2025 vom 1. FC Köln verpflichtete Keeper Neuer bereits 20 Mal vertreten – und dies mit wenigen Ausnahmen ausgezeichnet.
Aus seinen bislang 13 Bundesliga-, fünf CL- und zwei Pokal-Partien sind lediglich zwei Patzer in Erinnerung geblieben: Beim 1:1 bei Union Berlin, drei Tage nachdem ihn CEO Jan-Christian Dreesen als „Player of the Match“ im CL-Rückspiel in Leverkusen (2:0) gelobt hatte und vor ein paar Wochen bei der 1:2-Heimniederlage gegen den FC Augsburg. Vier Tage später zeigte er eine überragende Leistung beim 2:1-Sieg in Eindhoven und war maßgeblich daran beteiligt, dass der FCB die CL-Ligaphase als Zweiter beenden konnte.
Manuel Neuer absolvierte im selben Zeitraum mehr Spiele, sein Prozentsatz an Patzern, die zu Toren oder Großchancen der gegnerischen Mannschaft führten, war dabei aber sogar höher als bei Urbig. Zuletzt beim Hoffenheimer Ausgleichstreffer in München, als er im eigenen Strafraum zu lässig bzw. schlampig handelte. Gerade bei Neuers großer Stärke, dem Spielaufbau, erscheint der ebenfalls beidbeinig agierende 22-Jährige mittlerweile sogar stabiler und besser zu sein, seine weiten Bälle sind eine Augenweide.
Beeinflusst die aktuelle Verletzung Neuers Karriere-Entscheidung?
Im ganzen Verein schwärmt man von der immer noch vorhandenen Weltklasse bei Neuer. Dennoch wird auch dem hochtalentierten potenziellen Nachfolger Urbig größtes Vertrauen ausgesprochen – und das absolut zurecht. Pikanterweise könnte sich die Ausfalldauer des bald 40-Jährigen (27. März) bis in den Zeitraum ausdehnen, in dem seine Entscheidung, ob er noch einmal für ein Jahr an der Säbener Straße verlängern möchte, fallen soll. Ein Fingerzeig?
Zur Erinnerung: Neuers regelmäßige Verletzungen führten in der Spielzeit 2024/25 dazu, dass der FC Bayern einen gewiss nicht positiven CL-Rekord aufstellen „musste“: Vier verschiedene Keeper liefen zuvor für keinen anderen Königsklassen-Teilnehmer in einer einzigen Saison auf (neben Neuer und Urbig auch noch Sven Ulreich und Daniel Peretz). Auch in dieser Saison ist es bereits Neuers dritte verletzungsbedingte Ausfallperiode – und das, obwohl er mittlerweile sogar freiwillig Spielzeit an Urbig abtritt.
Apropos „Hiobsbotschaft Neuer-Ausfall“: Je länger der vielleicht beste Torwart der Fußballgeschichte nun ausfallen wird umso länger hat Urbig Zeit sich erneut zu bewähren. Er kann zeigen, dass er als würdiger Neuer-Nachfolger bereit steht. Aktuell kursieren wieder zahlreiche Gerüchte, dass sich die Bayernbosse trotz des kommunizierten Vertrauens für den 22-Jährigen nach jeweils teuren Alternativen umsehen würden. Die nächsten Leistungen des talentierten Keepers könnten in alle Richtungen aufschlussreich sein, vor allem Planungssicherheit liefern – und mit 40 Jahren ist es definitiv nicht zu früh, wenn man die Fußballschuhe (und Torwarthandschuhe) an den Nagel hängt.
